Ich würde mal einfach so behaupten, dass 50 Prozent der Weltbevölkerung Hokusais „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“ kennen. Deutlich weniger kennen die „Verträge von Kanagawa“. In diesem Artikel werden diese beiden wichtigen Dinge miteinander verknüpft. Es wird das Bild – streng anachronistisch – als Metapher für die Verträge verstanden. Wer damit fein ist, lese weiter.
Die Verträge von Kanagawa
Tarō Yamato hätte seine Freude an den folgenden Absätzen. Yamato ist ein ehemaliges Mitglied des japanischen Parlaments und glaubt, Japan sei eine Kolonie der USA. Dafür erfährt er Zuspruch und Ablehnung. Schaut man sich die Wahlergebnisse der jüngsten Parlamentswahl an, dann reitet der US-freundliche Ton von Premierministern Takaichi auf der Welle (von Kanagawa). Im Moment ist Nihon stark auf Linie. – Und das könnte im geschichtsbewussten Japan eigentlich verwundern.
Denn Japan und die USA haben auch jenseits von Hirōshima und Nagasaki eine belastete Geschichte. Und das fing schon ganz früh an. Die Verträge von Kanagawa sind sozusagen das erste Manifest dieser schwierigen Beziehung.
Im letzten Artikel habe ich den Abschluss Japans bereits erwähnt. Es gab Ausnahmen – etwa für die Holländer – und subversive Aktionen. Und doch: Japan war für 220 Jahre ein Staat, der seine Grenzen prinzipiell ziemlich dicht hatte. Das änderte sich erst, als US-Commodore Petty 1853 mit seinen „schwarzen Schiffen“ landete, auf dicke Hose machte und in Trump’scher Manier ankündigte: Ich komme bald mit Verstärkung wieder, bis dahin macht ihr eure Grenzen auf.
Gesagt getan: Das Ergebnis dieses bilateralen Mobstertums waren der Vertrag von Kanagawa (1853/54). In diesen wurde Japan dazu verpflichtet, seine beiden Häfen Hakodate und Shimoda zu öffnen, Gestrandeten Gastfreundschaft zu gewähren und Angelandeten Zugriff auf Versorgung zu gewähren. Vor allem aber sah der Vertrag vor, dass in Shimoda eine US-Botschaft zu errichten sei. Die Gegenleistungen waren dabei überschaubar. Es gab keine.
Die Folgen des Vertrags von Kanagawa? – Mehr Verträge!
Auch der Folgevertrag zwischen den USA und Japan sah für die japanische Seite nicht besser aus. Im Gegenteil. Der „United States-Japan Treaty of Amity and Commerce“ von 1859 legte fest, dass nunmehr fünf Häfen zu öffnen seien und dass Japan keine hohen Zölle auf US-amerikanische Waren erhoben durfte. Und wer jetzt (schon wieder) an Donald Trump denkt, hat eine gute Intuition. Nur dass es hier irgendwie andersrum ist: der Gegenseite werden keine Zölle aufgebrummt, dafür wird ihr verboten, welche zu erheben. Japan 1859 erinnert an die EU 2025.
Als krassester Punkt könnte aber die Exterritorialität für US-Bürger erscheinen. Exterritorialität heißt, dass bestimmte Menschen vom lokalen Recht ausgenommen sind. In diesem Fall bedeutet das: US-Bürger, die in Japan ein Verbrechen begehen, dürfen nicht vom japanischen Staat verfolgt werden. Das heißt nicht, dass der Verbrecher ohne Strafe abziehen kann. Zumindest nicht automatisch. In einer einigermaßen gerechten Welt, würde die US-amerikanische Gerichtsbarkeit greifen.
Jedenfalls sind die sogenannten „ungleichen Verträge“, die Japan offiziell an den internationalen Handel anbinden sollen, ziemlich unvorteilhaft für das Land der aufgehenden Sonne. Und was passiert? Andere westliche Staaten ziehen mit ebenfalls unfairen Verträgen nach. Darunter Großbritannien und Preußen. Japan wurde, so kann man es sagen, ganz schön über den Tisch gezogen.
Und Hokusais „Unter der großen Welle von Kanagawa“?
Doch wie könnte man die Knebelverträge mit Hokusais legendärem Holzdruck zusammenbringen? Kommen wir noch zu. Zunächst ein paar einleitende Worte zum Bild: Die große Welle findet sich mittlerweile auf allen möglichen Gegenständen des täglichen Bedarfs: es gibt Schokolade, T-Shirts, Kugelschreiber oder Untersetzer.
Das Bild der Welle ist zur Ikone geworden. Und: es sieht verdammt gut aus. Ein Original in dem Sinne gibt es nicht, schließlich handelt es sich um einen Druck. Die Holzform im Sumida Hokusai Museum mag nah herankommen, ist aber ebenfalls ein Replikat. Die von Hokusai geschnitzte Originalform gibt es nicht mehr.
Die Welle ist eine von 46 Ansichten des Berges Fuji, die Hokusai mit etwa 70 zwischen 1830 und 1836 angefertigt hat. Die Serie trägt den etwas verwirrenden Titel „36 Ansichten des Berges Fuji“. Warum die Differenz? Die ursprüngliche Serie war so erfolgreich, dass Hokusai noch zehn weitere Ansichten hinzugefügt hat. In der ersten Auflage stimmte der Name also noch.
Drei Schifferboote und ein Berg: Hokusais „Unter der Welle im Meer von Kanagawa“
Die Kanaga-Welle zeigt drei Schifferboote, die sich vor Kanaga (dem heutigen Stadtteil von Yokohama) einer riesigen Welle gegenübersehen. Handelt es sich um einen Tsunami? Gut möglich, aber irgendwie irrelevant. Jedenfalls knien die Schiffer in ihren Boten, um die geringste Angriffsfläche zu bieten. Sie wollen da heil rauskommen. Ob das gelingt, ist ungewiss.
Die Welle selbst ist nicht unbedingt realistisch gearbeitet, sondern eher schematisch. Sie schließt damit die Tradition des japanischen Holzschnitts an, dem es weniger um naturalistische Wiedergabe als um künstlerische Wirkung ging. Gerüchteweise handelt es sich bei der Kanagawa-Welle um das meistreproduzierte Bild der Kunstgeschichte. Ein Indiz dafür ist dieses Emoji: 🌊.
Ein paradoxes Spiel aus Bewegung und Stillstand, Dynamis und Stasis
Besonders am Bild ist, dass hier der Moment höchster Bedrohung eingefangen wird. Noch ist alles offen. Dabei gelingt es der Darstellung einerseits sehr statisch zu wirken, paradoxerweise findet sich in dieser Statik aber eine gewisse Dynamik. Die Welle kulminiert und hat darin ihr Dauerhaftes, sie scheint zu stehen. Gleichzeitig laufen aus dem Wellental gebogene Linien auf den Kulminationspunkt zu, was die Dynamik besorgt. Der Sog ist sichtbar.
Untersützt wird dieses Doppelspiel aus Dynamis und Statis durch die Boote: die Boote selbst vollziehen die gebogenen Linien mit, betonen sie sogar noch durch die gebogene Form ihrer Kiele. Die gekrümmten Rücken der Fischer zitieren das ebenfalls, heben es aber im fixierten Kauern auf. Welle – Boot – Fischer, alle drei verbinden Bewegung und Stillstand und sind gleichzeitig aufeinander bezogen.
Bildvorder- und -hintergrund treten in das Spiel ein
Genauso das Zusammenspiel von Bildvorder- und Bildhintergrund. Vorn die Action des Kampfs gegen die Wellen, hinten in aller vornehmen Ruhe der heilige Berg Fuji. Ein wenig entrückt und doch über allem wachend. So hat es wenigstens den Anschein. Und genau das könnte als Grundlage einer anachronistischen Interoretation dienen.
Unter den ungleichen Verträgen von Kanagawa
Natürlich kann die Flotte, mit der Perry das Tokugawa-Shogunat erpresst hat, mit der großen Welle verglichen werden. So wie die Welle die einfachen Fischerboote bedroht, bedroht der US-amerikanische Bully das (zumindest scheinbar einfachere) Feudalreich Japan. Natürlich war die Realität komplexer, es ließe sich aber so verstehen.
Fischfang mit Booten des Typs Oshikori-Bune – das sind diese Fischerboote – findet in der Regel nicht auf hoher See, sondern in küstennahen Gewässern statt. Man kann diese Art der Fischerei durchaus als lokal begreifen. Das abgeschlossene Japan der Shogun-Zeit war lokal orientiert. Weit ausgegriffen wurde ja nicht. Es gab Handel, doch der war beschränkt. Auch ein Fischerboot verirrt sich halt mal aufs offene Meer. So ergibt sich das Bild: technisch-militaristischer Fortschritt (Welle/USA) bedroht Feudalreich mit regionalem Fischfang (Boote/Japan).
In dieser Lesart sind die Rollen klar verteilt. Japan steht als Opfer westlichen Zugriffs da. Und die Lesart ist auch nicht falsch. Auf der anderen Seite macht es Japan aber kleiner als es damals schon war. Japan war nicht nur Verfügungsmasse, sondern ein verhältnismäßig starker Staat, der auf eine reiche Kultur und gefestigte Traditionen zurückgreifen konnte. Die Übermacht, die die Welle gegenüber den Fischerbooten hat, sollte also nicht mit der Perry-Flotte gleichgesetzt werden. Das tut den Kanonenbooten weit mehr Ehre an, als sie verdienen.
Eine große Welle namens Zeit – und der Fuji als Gegengewicht
Stattdessen sollte die Welle (und die unruhige See) weiter gefasst werden: Japan steht an der Schwelle der Verträge von Kanagawa und sieht unruhigen Zeiten entgegen. Die Verträge stellen eine immense Bedrohung dar, gerade auch, weil sie von anderen Ländern nachgeahmt werden. Japan ist im Moment der Unterzeichnung der Verträge durchaus in Gefahr, überspült zu werden. Die Welle steht also nicht für die USA und auch nicht nur für den Westen, sondern vielmehr für den Ausgang Japans aus der splendid Isolation. Die Welle zeigt die anrollende Zeitenwende an. Das Ende der frühen Neuzeit, den Beginn der Moderne.
Japan wird nach wie vor in den Fischerbooten exemplifiziert. Allerdings nicht nur. Denn im Hintergrund west der Fuji, wie man sagen könnte. Der Fuji ist eine Art Anker, das Relikt oder die Gewissheit, dass trotz aller Stürme und trotz aller Unwägbarkeiten, eines doch gewiss ist: Japan hat hinter all den wechselnden Signifikanten so etwas wie einen Kern und dieser Kern wird im Fuji ausgedrückt. Hokusais Gemälde kann Mut machen: mögen die Verträge auch das zeitliche Element Japans (ausgedrückt in den Fischerbooten) zum Kentern bringen, dahinter steht ein Festes, Unzerstörbares, dass neue Fischerboote bauen wird.
De facto wurden leider nicht nur Fischerboote daraus, sondern ziemlich bald auch Kanonenboote, die Japan nutzte, sich einen erheblichen Teil der Region untertan zu machen. Japan hat gelernt von seinen Unterdrückern, könnte man sagen. Doch auch das ist nur das zeitliche Element. Der Fuji steht und wartet und explodiert alle 300 Jahre – vor allem aber ruht er jenseits von Gut und Böse. Ein Berg, der noch nicht mal ein Fels in der Brandung ist, weil die Brandung ihn gar nicht erreicht.