Meiji – als Japan zu Japan wurde. Die Japanischen Äras als paralleler Kalender (1).

Große Narrative sind nicht tot, wie Lyotard meinte. Im Gegenteil! Nach einer kurzen Zeit der Illusionslosigkeit, sind die Großerzählungen mit aller Power zurückgekommen. Ob das immer so ganz Sinn macht, sei dahingestellt. Klar ist aber: Es gibt ein Land, in dem Äras nie aufgehört haben, eine sinnstiftende Rolle zu spielen. Ein Land, das Äras feierte, lange vor Taylor Swift, 2016-Nostalgie und Social Media: Japan.

In diesem ersten Teil geht es vor allem um die Meiji-Zeit. Was darunter zu verstehen ist und was ihr vorausging, erfahrt ihr hier.

Die Japanischen Äras als Nengo – ein (wirklich sehr kurzer) Überblick bevor es losgeht

Grundsätzlich bedeutet eine Ära die Regierungszeit eines Tennos, also eines Kaisers. Nun war der Tenno aber nicht immer gleich wichtig. Eigentlich war er ziemlich lange eher ein wohlgelittener Grüßaugust. Von 1192 bis 1868 war er sogar machtlos, denn in jenem Zeitraum regierten die Shogune Japan.

Weil frühere Tennos häufig eher legendär sind (und weil das hier ein kurzer Artikel und kein E-Book werden soll), konzentriere ich mich auf die Äras und Tennos seit 1868. Derer gibt es nämlich lediglich fünf.

Wenn eine Ära endet, ist das in Japan tatsächlich ein Ereignis. Experten kommen zusammen und überlegen, wie die Ära benannt werden soll. Der Name der Ära hat dabei einen tieferen Sinn, er repräsentiert Sehnsüchte, Programme oder Ideologien. Öffentlich vorgestellt wird er vom jeweiligen Ministerpräsidenten, live im TV, in getragenem Pathos.

Meiji: Geboren aus dem Mythos der totalen Abschottung

Die Japanische Moderne beginnt mit Meiji, der Ära des Tenno Mutsuhito. Meiji bedeutet auf Deutsch so viel wie „aufgeklärte Herrschaft“. Mutsuhito ist kein Friedrich IV. und doch ist Meiji die Periode, in der die entscheidenden Weichen gestellt wurden. Das heutige Japan ist ohne Meiji genauso wenig zu verstehen, wie das heutige Deutschland ohne die preußische Tradition zu verstehen ist.

Zunächst jedoch zu einem Mythos: Es ist nicht richtig, dass Japan vor Meiji vollständig abgeschlossen war. Tatsächlich ist dies eher westliche Projektion als Faktenlage. Dennoch: die Kontakte des alten Feudalreichs vor Meiji waren beschränkt und Japan war weit davon entfernt die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt zu werden.

Der japanische Markt war tatsächlich nicht zugänglich, außer für ein paar Holländer, die sich allerdings auch fernab der Gesellschaft halten mussten. Doch warum fuhr Japan diesen Kurs der Abschottung?

Das Christentum in Japan als Erfolgsmodell

Natürlich ist das retrospektiv gar nicht so richtig zu erklären. Es steht allerdings fest, dass insbesondere portugiesische Missionare im 15. und 16. Jahrhundert versucht haben, das Christentum in Japan zu etablieren. So ganz ohne Erfolg blieb das nicht, gerade auf lange Sicht. Fun-Fact: von 32 Premierminister seit 1945 waren sieben Christen. Das bedeutet: knapp 22 Prozent aller Premierminister hatten sich der Trinität verschrieben. Allerdings ist nur etwa ein Prozent der Japaner christlich. Interessant auch: lediglich christliche Kirchen verbuchen Wachstum auf der Insel. Es scheint, dass das Christentum Nihon noch nicht aufgegeben hat.

Und genau das haben sie auch früher nicht getan. Tatsächlich waren die Missionare so erfolgreich, dass ihre Aktivität 1614 von den Tokugawa. Shogunen verboten wurden. Die Tokugawa-Ära ist die Ära unmittelbar vor Meiji.

Die Abschottung während der Tokugawa-Periode ließ vereinzelt Handel zu. Japan handelte mit den Holländern und Korea. Es gab auch informelle Beziehungen zum Ausland, außerdem gelangten europäische Bücher und Geräte nach Japan. Alles über den holländischen Hafen in Dejima. Die Abschottung war kein totaler Abschluss, sondern eher eine sehr rigide Kontrolle des Zugangs. Nicht jeder bekam Zugang, doch die Vorstellung, Japan sei zwischen dem frühen 17. und 19. Jahrhundert vollständig isoliert gewesen, ist schlichtweg falsch.

Der Meiji-Tenno als Dichter auf dem Chrysanthementhron

Meiji bedeutet also „aufgeklärte Herrschaft“. Und was macht so ein aufgeklärter Herrscher? Er schreibt Gedichte. Er tut nicht nur das, aber weil er das auch tut – und textwandel.org prinzipiell ein Literaturblog ist – will ich hier in aller Kürze auf die poetische Produktion von Meiji-Tenno eingehen.

Meiji-Tenno bzw. Mutsuhito soll ca. 100.000 Kurzgedichte verfasst haben. Die wenigsten davon sind erhalten. Vereinzelt gibt es sogar deutsche Übersetzungen. Die, die ich gefunden habe, stammen von Hermann Heuvers, einem deutschen Jesuiten, der in Tokyo lebte und starb. Die Übersetzungen von 1939 klingen nach Neoromantik und sind nicht der Rede wert. Wer sich selbst überzeugen möchte: here you go.

Mutsuhito ist allerdings wichtig für die japanische Literatur, weil er damit anfing, öffentliche Lyrikwettbewerbe zu fördern. Damit knüpfte er an Traditionen an, die verschütt gegangen waren und sorgte für ein Revival der Literatur – und damit auch der Alphabetisierung. Literatur und Bildung gehören zusammen, das hatte Meiji-Tenno erkannt. Die Meiji-Ära gilt vielen heutigen immer noch als die Blütezeit der japanischen Literatur. Man kann sie in vielerlei Hinsicht mit Klassik und Romantik vergleichen.

„Das Wesen des Romans“ – Diskussionen um eine Großgattung

Und doch greift das zu kurz. Denn Meiji, die Epoche zwischen 1867 und 1912 erlebte Romantik und Klassik bereits als gealterte Konzepte. Der Diskurs in Japan griff also nicht nur die Frage auf, die zwischen Klassik und Romantik verlief, sondern widmete sich auch solchen Diskursen, die zur gleichen Zeit in Europa geführt wurde. Bemerkenswert ist etwa die Diskussion über den Realismus, wie sie maßgeblich von Tsubouchi Shoyo geprägt wurde.

Shoyo verfasste „Das Wesen des Romans“ – und damit einen der zentralen literaturtheoretischen Texte der Meiji-Zeit. Wer sich dafür interessiert, der möge sich etwa gedulden. Text folgt. Zentral an dem Text ist aber, dass er für einen Realismus eintritt und damit einen modernen Literaturbegriff vertritt.

Mittelalter in Japan und Europa

Überhaupt ist Meiji die erste moderne Epoche Japans. Vergleiche von Europa und Japan sind eher schwierig. Es gibt aber deutliche Parallelen. Auch Japan hat sein Mittelalter und seine frühe Neuzeit. Doch man muss unterscheiden. Das Mittelalter in Japan ist deutlich kürzer als das europäische. Zumindest dann, wenn man zentrale technische Hilfsmittel als Grundlage der Epochenbildung zurate zieht. Insbesondere der Kontakt zu China versetzt Japan früh in die Lage, Papier zu benutzen und einen beeindruckenden Literaturbetrieb aufzubauen.

Dieser Literaturbetrieb baute zu Anfang ausschließlich auf der chinesischen Sprache auf. Bis Korea sich durch eine eigene Schrift emanzipieren konnte, mussten einige Jahrhunderte vergehen. Auch das japanische Schriftsystem Kanji ist ursprünglich chinesisch – und diese Herkunft ist auch heute noch deutlich sichtbar. Das Chinesische war im fernen Osten das, was das Lateinische in Europa war: die Sprache der Kultur, also der Kunst und der Wissenschaft.

Eine höfische Kultur, wie sie im europäischen Hochmittelalter vorkam, trat in Japan deutlich früher auf. So gesehen, ist das japanische Mittelalter sehr viel früher als das europäische vorbei. Gleichzeitig bleibt Japan bis zum Beginn der Meiji-Ära ein feudaler Staat, während der Feudalismus in Europa ein mittelalterliches Phänomen ist.

Meiji – die neue Zeit mit der neuen Hauptstadt

Meiji ist nicht nur Beginn der Herrschaft des Tenno, Meiji ist auch die Epoche, in der Edo in Tokio unbenannt und endgültig Hauptstadt wird. Meiji ist auch die Zeit, in der Kyoto zu einem überdimensionierten Freiluftmuseum wurde.

Für diesen ersten Teil der Serie soll es damit zunächst genug sein. Die Meiji-Epoche schließt unmittelbar die Edo-Epoche an, in der Edo faktisch gar nicht die Hauptstadt war. Gleichwohl war die politische Macht bereits in der „östlichen Hauptstadt“ – das ist die Wortbedeutung von „Tokio“ – konzentriert und Kyoto eher repräsentatives Zentrum. Fast verhält es sich dabei wie zwischen Amsterdam und Den Haag. Nur irgendwie umgekehrt.

Meiji ist jedenfalls die Zeit, in der Japan seinen Takeoff beginnt. Meiji ist die Öffnung gegenüber der Welt – auch wenn die von den Amerikanern durch Kanonenboote erzwungen wurde. Meiji ist allerdings auch der Anfang des japanischen Imperialismus, der sich in schrecklichen Kriegsverbrechen insbesondere in China äußern sollte. Doch in der nächsten Folge wird es zunächst noch ein bisschen um Meiji selbst gehen. Denn Meiji ist nicht nur eine Epoche der Aufklärung und der Kultur, Meiji ist auch die Epoche, in der Großkonzerne aufsteigen und Kriege geführt werden. Und darum geht es in der nächsten Folge: Krieg und Kapitalismus in Japans Moderne.

Für heute aber sag‘ ich: Arigatou gozaimasu!

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