Sollte der 9. November zum Nationalfeiertag werden? Eine Art Nachlese zum „Schicksalstag“

Der 9. November gilt als „Schicksalstag“ der Deutschen. Irgendwie doof ist, dass es der Völkische Beobachter war, der diesen Begriff geprägt hat. Naja, und irgendwie doof ist auch der Sound von „Schicksalstag“. Es gibt schöne Donnerworte im Deutschen, Schicksalstag hingegen gehört eher nicht dazu, zu groß der Bruch zwischen dem wunderschönen „Schicksal“ und dem unglaublich profanen „Tag“. Aber gut, das ist persönliche Neigung.

Fest steht jedenfalls, dass am und um 9. November so einiges passiert ist in der Mitteleuropäischen Region, die heute Bundesrepublik Deutschland heißt. In diesem Artikel wird als kleine Nachlese – denn der 9. November neigt sich bereits seinem verdienten Ende zu – kräftig geschlaglichtert, was den Tag eigentlich so besonders macht. Ob er als Nationalfeiertag geeignet ist, wird dann ebenfalls diskutiert. Spoiler: Dabei geht es auch um die Auslotung zwischen Feier- und Gedenktag.

Der 9. November 1918: Der Kaiser wird abgedankt

Der 9. November 1918 gilt als Ende des 1. Weltkriegs und Beginn der Weimarer Republik. Natürlich ist das nicht so einfach. Zunächst ist es so, dass Reichskanzler Max von Baden bekannt gab, der Kaiser habe abgedankt, auf den Thron verzichtet. Das war tatsächlich eine Lüge – oder, wenn man es positiver sehen will, ziemlich proaktiv. Es heißt, von Baden habe die Erklärung auf Veranlassung Friedrich Eberts abgegeben. Ebert: erster Reichskanzler der Weimarer Republik. Hmm.

Kurz darauf wurde die Republik ausgerufen. Einmal von Philipp Scheidemann, kurze Zeit später von Karl Liebknecht. Was irgendwie kurios wirken mag, ist natürlich knallhartes Machtkalkül. SPD-Mann Scheidemann hat davon gehört, dass KPD-Größe Liebknecht vorhat, die Räterepublik auszurufen. Das wollen die Sozialdemokraten nicht und beeilen sich also, ihrerseits die Republik auszurufen.

So kleingeistig das wirken mag, letztlich haben die Sozialdemokraten sich durchgesetzt, mussten dazu allerdings mit der rechten Seite kollaborieren. Zum Dank wurden sie von eben jener rechten Seite später zu „Novemberverbrechern“ erklärt.

Der 9. November 1923: Der Hitler-Ludendorff-Putsch

Aus der Räterepublik wurde nichts; die kommunistische Revolution blieb auch aus. Dafür war ein Mythos geboren: die sogenannten „Novemberverbrecher“. Der Begriff kommt aus dem rechten Spektrum und impliziert, die linken Revolutionäre von SPD und KPD hätten Deutschland den berühmten Dolchstoß verpasst. Man sei „im Felde unbesiegt“, nur diese ärgerlichen Sozen hätten aus Machtgeilheit, innerem Bolschewismus oder einfach aufgrund der Juden dem Deutschen Volk den Kriegssieg, den Kaiser und gleich das ganze Land geklaut. Nun ja.

Ein ziemlich prominenter Vertreter dieses Verschwörungsmythos war Adolf Hitler – und der alte General Ernst Ludendorff. Eigentlich fand der Putsch nur teilweise am 9. November statt. Die Rede Hitlers im Münchner Bürgerbräukeller, in der er behauptete, die Regierung der „Novemberverbrecher“ sei abgesetzt, fand bereits am Abend des 8. Novembers statt.

Der Putschversuch wird heute häufig ein bisschen kleingeredet. Erfolgreich war er nicht. Bereits am Vormittag des 9. Novembers war die Ordnung wieder hergestellt. Allerdings hatten die Nazis ihre ersten Märtyrer, Hitler kam in Haft, wo er „Mein Kampf“ schrieb –bzw. von Rudolf Hess schreiben ließ – und letztlich zeigte sich beim Putsch eben auch, dass die Nationalsozialisten eine ganze Menge Rückhalt hatten. Auch offenbarten sich beim Putsch bereits erste Pogrom-Reflexe, wie sie zur Reichsprogromnacht wieder reaktiviert werden sollten.

Der 9. November 1938: Die Reichspogromnacht

Die Reichspogromnacht ist der Grund, warum die meisten, die sich damit beschäftigen, sagen, der 9. November dürfe niemals zum Feiertag werden. In sich ist das auch stimmig, schließlich ist diese Nacht wohl eine der dunkelsten Nächte deutscher Geschichte.

Einige meinen, die Reichspogromnacht markiere die zentrale eskalative Wende im Umgang der Nazis mit den Juden. Seien Juden zuvor wenigstens teilweise noch geduldet worden, zeigten die Zeichen nach dem November 1938 klar in Richtung Wannseekonferenz und damit Holocaust. Der Gedanke ist aber umstritten.

Klar ist, dass die Reichspogromnacht die Verhältnisse ziemlich klargerückt hat. Juden waren in Deutschland nicht nur unerwünscht, der Staat zeigte sich als zentraler Akteur in einer Vertreibung, die vor Vernichtung nicht Halt machte. Klar ist auch, dass der 9. November 1938 ein gutes Argument dafür ist, den Tag nicht gerade zum positiv besetzen Nationalfeiertag zu machen.

In between. Oder: was an diversen 9. Novembern noch so los war.

Der Historiker Wolfang Niess ist der Überzeugung, auch der 9. November 1939 sei schicksalsträchtig für die deutsche Geschichte. An diesem Tag – der für die Nazis natürlich ein Gedenktag war (Hitlerputsch, „Novemberverbrecher“) – fand eines der mindestens 39 Attentate auf Hitler statt, die er überlebt hat. Es ist nicht das berühmteste und auch nicht das knappste. Aber ja, das Attentat im Bürgerbräukeller ist immerhin das zweitberühmteste Attentat auf Hitler. So richtig geändert hat es aber nichts, deswegen würde ich es hier eher ausklammern.

Dass zum ersten Mal das Plakat mit dem Spruch „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“ entrollt wurde (9. November 1967), ist nett, aber auch eher in der Kategorie „Ferner liefen“ zu verbuchen. Das gleiche gilt für den missglückten Anschlag der Tupamaros West-Berlin im November 1969.

Der Anschlag ist allerdings vor dem Hintergrund der heutigen Diskussion um einen vermeintlichen oder tatsächlichen linken Antisemitismus ganz interessant. Die Tupamaros waren ein linkes Kollektiv, das sich ganz bewusst dazu entschied, den Jahrestag der Novemberpogrome zu nutzen, um eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus in Charlottenburg zu platzieren. – Das ist schon ein Statement, namentlich dann, wenn die Gruppe sich dem Antifaschismus verschrieben hat. Selbstverständlich hatten sich die Vorzeichen aber auch verschoben, da es 1938 noch keinen Staat Israel gab, denn genau gegen den wollten die Tupamaros demonstrieren. Wenn man das so nennen möchte.

Und noch einen 9. November gab es, der in diese Reihe gehört: der von 1975. An diesem Tag starb Holger „Der-Kampf-geht-weiter“ Meins im Hungerstreik. Meins war bereits RAF-Mitglied bevor es cool war und angeblich ist er derjenige, der die Formulierung „entweder du bist Teil des Problems oder Teil der Lösung“ prägte.

Meins ist nicht nur deswegen eine interessante Persönlichkeit. Er war Filmemacher. Angeblich hat er sogar den legendären Film „Wie baue ich einen Molotow-Cocktail?“ gedreht. Und: Meins war kein Simpelmacho wie Andreas Baader, was stark für ihn spricht. Dennoch wurde er zum Märtyrer für die RAF, was ihn posthum vielleicht weniger gut aussehen lässt. Sein Tod am 9. November erscheint aber ebenfalls nur so halb schicksalsmächtig.

Sollte der 9. November zum Feiertag werden?

So richtig Schicksal wurde aber im November 1989 gemacht. Aber was soll man schon über den Mauerfall sagen? Die ganze Story wird sicher noch einmal hier behandelt. Wichtig ist jetzt eher, warum der Tag nicht zum Feiertag wurde. Böse Zungen sagen, es liege daran, dass eigentlich nichts tolles passiert sei. Also abgesehen davon, dass es nun gebrauchte BMWs im Osten zu kaufen gab, holländische Tomaten angeboten wurden und man überall hinfahren konnte. Theoritsch zumindest. Tatsächlich ging das natürlich nicht, weil die Arbeit fehlte und der gekaufte gebrauchte BMW die frisch abgewickelten Bürger in finanzielle Krisen stürzte.

Man kann es auch anders sehen – und ich sehe es anders – aber das muss hier nicht behandelt werden. Der Punkt ist, dass der Tag durchaus sein Feiertagspotenzial hat. Und das soll nun diskutiert werden.

Nationalfeiertage sind natürlich symbolisch und dienen der Selbstvergewisserung einer spezifischen Staatlichkeit. Das ist schön und gut und ein bißchen klebrig, aber das macht nichts. Der Nationalfeiertag hat viel mit Macht zu tun. Ein Gesetzgeber entscheidet, was als höchster nationaler Feiertag gilt. In Frankreich und den USA findet das im Sommer statt, was Sinn macht, bei uns ist die Besinnlichkeit durch den herbstlichen 3. Oktober bereits vorausgesetzt. Was passend ist.

3. Oktober und 9. November beziehen sich letztlich auf das gleiche, die Deutsche Wiedervereinigung – oder anders: den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Ich finde, dass es triftig ist, dass die Bundesrepublik einen solchen konnektivistischen Feiertag zum höchsten Feiertag erhoben hat.

Der 3. Oktober ist der Tag, an dem die Einheit rechtlich vollzogen wurde. Und doch ist er – und das erklärt vielleicht das Unbehagen an ihm – so charmant wie alle Verwaltungsakte. Er hat, so empfinde ich das wenigstens, kein Narrativ. Ja, Kohl und Genscher die rumstehen, während irgendwelche Ossis „Deutschland, Deutschland über alles singen“ – oder war das Silvester 1989? Keine Ahnung. Gegenüber den krassen Bildern vom Mauerfall wird alles andere Makulatur.

Und genau das ist das Problem. Denn natürlich ist ein Staat, der das Existenzrecht Israels in seine Verfassung schreibt, nicht in der Position, das Datum der Reichspogromnacht zum Nationalfeiertag zu machen. Aber ihn so ganz leer zwischen Reformations- und Volkstrauertag versauern zu lassen, ist irgendwie auch blöd.

Ein Kompromiss in Sicht

Ein Kompromiss könnte darin bestehen, ihn als einen der stillen Tage zu führen. Da würde er wie Totensonntag, Karfreitag oder der Volkstrauertag behandelt werden. Tanzveranstaltungen wären verboten. Das aber würde die Millionen Menschen, die den Mauerfall tanzend feiern wollen in die Bredouille bringen. Wohin mit ihrer angestauten Libido?

Mein Kompromiss würde darin bestehen, Feiertage in der heutigen Form überhaupt abzuschaffen. Gedenktage sind wichtig, symbolisch stark und absolut zufriedenstellend. Ich bin ein Fan von bloßen Gedenktagen – und genau das ist der 9. November. Und mehr muss auch gar nicht sein.

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