Irgendwo im Rheinland – also ziemlich genau zwischen Duisburg und Leverkusen – liegt ein Dorf, das eine Großstadt sein will, vielleicht ist. Aber darum geht es gar nicht. Worum dann? – Es gibt in diesen Dorf ein Gerücht, ein Mythos, eine Sage: Hier sei Techno erfunden worden. Und dann gibt es gleich noch eine: Punk sei hier auch erfunden worden. Ganz schön viel für eine kleine Stadt, die eigentlich häufiger in Versicherungswesen und Verwaltung aktiv ist als im kreativen Bereich. Aber ein gewisser Kern stimmt dann eben doch.
Techno und Punk wurden vielleicht nicht in Düsseldorf erfunden. Was aber stimmt: Düsseldorf hat bei beiden Musikrichtungen ordentlich mitgearbeitet hat. Oder eher: Künstlercluster, die sich irgendwo zwischen Mintropplatz und Ratinger Hof eingenistet haben, haben tatkräftig mitgearbeitet. Und doch: Es gab in der Stadt am Rhein eine vitale Szene, die sich rund um die Kunstakademie angesiedelt hat. Den Salon gab es damals zwar noch nicht, die Punk-Techno-Szene ist aber sowas wie der Grund, warum es ihn heute gibt.
Wait: Punk und Techno???
Die Punk-Techno-Szene, das klingt nach unpassender Unifizierung. Nach einem Zusammenwerfen von Gegensätzlichkeiten. Punk und Techno erscheinen heute doch irgendwie als disparate Musikrichtungen. Anders gefragt: Was haben Clash und Kraftwerk gemeinsam? Was vereint Mania D und Ash Ra Tempel? Ich würde erstmal sagen: nicht viel.
Kundige – zu denen ich offensich nicht gehöre – wissen aber: eine ganze Menge. – Vielleicht ist Krautrock das Verbindungsglied. In seinem wunderbaren Buch „Verschwende deine Jugend“ legt Jürgen Treipel das nahe. Aber was zur Hölle ist Krautrock? Pink Floyd auf teutonisch? Vielleicht.

Auf der anderen Seite mag das alles aber auch gar nicht so schrecklich wichtig sein. Wesentlich ist Punk und Techno vielleicht etwas anderes. Denn: Beiden scheint eine DIY-Ideologie zugrunde zu liegen. Der Anspruch, etwas zu machen, etwas anders zu machen, es vielleicht sogar schlecht zu machen. In der 5. Ausgabe vom OSTRICH, einem Fanzine der Punkbewegung, schreibt Monroe (Franz Bielmeier) ins Editorial:
hey, ya ostrich-readin‘ arsehole, hier ist nr. 5. nun sitz nicht da rum und glotz blöd, sondern mach auch was, fanzines, clubs, shops, bands!
kauf keine zeitungen, die über 5000 stück auflage haben, keine platten von superstars wie stones, rollers, beatles, genesis. steckt den reichen wixern nicht noch mehr geld in den arsch! THE POWER IS IN OUR HANDS!
Editorial, OSTRICH 5
Die Ausgabe, wie auch andere, gibt’s übrigens auch online. Dass es manchmal so zugeht, dass es heutige post-postpunk-punks eher abstoßen würde, liegt wohl im Wesen der Sache. Aber: der Gedanke ist klar. Punk ist, die Sache selbst machen. Welche Sache? Jede Sache. Irgendwo zwischen Situationismus, Anarchismus und Hagebau-Flatrate ist er vielleicht zu verorten, der Ur-Punk – bis dann Sid Vicious kam, und aus dem Punk eine Attraktion und Projektionsfläche gemacht hat. Sid Vicious: Blixa Bargeld in uncool.
Wer hat die Frage überhaupt gestellt? – Egal: Punk und Neofaschismus?
Apropos uncool: Die Siebziger waren bestimmt gar nicht so bunt, wie man heute glauben mag. Der schwarze Mercedes, der in die Sprengfalle fährt. Kraftwerk, Urschreitherapie und Heroin. Die Siebziger müssen beeindruckend sinister, fast schon monochrom gewesen sein.
Inwiefern Punk aber jenseits von schwarzem Leder mit Faschismus zusammenhängt, mögen lieber alte und neue Hippies beantworten. – Ohne, da irgendetwas andeuten zu wollen: „Geh‘ in die Knie und tanz den Adolf Hitler“, das ist natürlich alles auch irgendwie ironisch und nicht gar so gemeint und womöglich immer noch die Basis der Methode Kracht. – Ich weiß es nicht. Ganz ehrlich.
Ich denke aber: Provozieren wird vielleicht eher mit Punk als mit Techno assoziiert. Vor allem vor dem Hintergrund, dass diverse Loveparades Techno wenigstens zeitweise zu einer bemerkenswert braven Musik gemacht haben. Drogen ja, klar, aber es war halt doch, so wurde geraunt, eine Bankangestellten-Musik. Techno: der wochenendliche Eskapismus. Das konnte sich auch Rainald Goetz in der ersten Midlife Crisis geben.
Auf der anderen Seite: Sowas wurde auch immer wieder über Hooligans gesagt. Also nicht das mit Rainald Goetz, sondern das mit den Bankangestellen. Und wenn DAF irgendwie Techno ist, dann kann Techno auch provozieren. Es muss nicht alles immer wohlgehütetes Kulturgut wie das Berghain sein. Kann es aber durchaus. Denn auf „unser Berghain“, da ist sogar Karl-Heinz vom Kleingärtnerverein rote Erde in Wanne-Eickel sowas wie stolz ist, wenn er von reden hört.
Gabi Delgado (DAF) provoziert – und redet über Gewalt
Also in irgendeiner Form Provozieren, dabei die onastische Geste und natürlich Gewalt. Produktive Gewalt vielleicht, vielleicht reaktive, vielleicht nicht faschistisch, aber wenigstens pseudofaschistisch, vielleicht parafaschistisch. So oder so: Gewalt. Genagelte Stiefel, wie Brecht sagt. Ellbogen. Oder in den Worten des mutmaßlichen Karnevalspunks Gabi Delgado:
Ich hatte immer eine Affinität zu Menschen, die gewaltbereit sind. Mir haben auch die Uniformen der Polizisten immer viel besser gefallen als die der Demonstranten. Vom Styling her haben mir die Bullen imponiert. Und auch vom Vorgehen her. Das andere hat mir nicht zugesagt: dieses gewaltlose Irgendwo-Hinsetzen. Das fand ich total scheiße. Ich fand es viel besser, denen, die da sitzen, auf den Kopf zu hauen. Nur so von der Ästhetik her.
In: Teipel, Jürgen Verschwende Deine Jugend, 74
Ein Zitat, wie dafür gemacht mit Klima-Kleber-Bashing-Memes verlinkt zu werden. Aber das hat sich ja inzwischen erledigt.Und generell ein Statement. Für den Staat, den starken Staat. Kann man so machen. Muss man aber nicht. Gabi Delgado jedenfalls ist tot. Wehren kann er sich nicht mehr. Und Düsseldorfer war er eigentlich auch nicht. Gekommen aus dem schönen Wuppertal und ging er ins noch schönere Berlin. Da kann man Düsseldorf schon mal rechtsrheinisch liegen lassen.
Und das ist vielleicht Düsseldorfs Schicksal. Wer kommt, der geht, wenn er was kann, vielleicht, irgendwann. Das gilt nicht für alle, sicher. Mithu Sanyal ist noch hier, Klaus Klinger auch. Nur, dass Campino zurückgekommen ist, während Peter Hein gegangen, könnte als schlechter Tausch wahrgenommen werden.
Gut. Ist so. Musikalisch gesehen mag Düsseldorf nicht mehr gar so tonangebend sein in der Welt, auch wenn der WDR meint, die Tradition lebe in den Übungskellern der Landeshauptstadt weiter. Ich weiß nicht. Zum wiederholten Male. Und vielleicht ist dieser Text hier auch ungerecht und ich bin einfach nicht so drin in der gewiss total bedeutsam abstrahlenden Szene zwischen Grappeplatz und Eiskellerstraße. Na, und wahrscheinlich hat es sich für die meisten auch in den 70ern nicht so angefühlt, als würde hier gerade etwas passieren. Wir Mainstream-Menschen hängen nunmal hinterher. Kann ja nicht jeder ein Horx sein. Und der ist mittlerweile auch 70. Macht aber trotzdem Mut.