Rainald Goetz. Oder: Einer, der weiß, wie Öffentlichkeit funktioniert?

Rainald Goetz liest Luhmann. Rainald Goetz ist Arzt und generell ein ziemlicher Hecht. – Und jetzt? Jetzt macht Rainald Goetz den Maxim Biller. Und viele machen Rasierklingenwitze. Was irgendwie gar nicht so witzig ist, sondern nur zeigt, wie wenig sie mit Rainald Goetz anfangen können.

Rainald Goetz: Einer, mit dem man nicht so viel anfangen kann

Offen gestanden, ich weiß gar nicht, ob ich mit Rainald Goetz wirklich viel anfangen kann. „Rave“ war tatsächlich ein ziemlich cooles Buch. „Johann Holtrop“ auch. Und seine Beobachtungen aus „Kronos“ sind – finde ich – schon deutlich auf Thomas Meinecke-Kurs, so rein sprachschönheitlich.

Aber dass Rainald Goetz jetzt in einem Instagram-Post ziemlich unangenehm rüberkommt, das überrascht nur so halb. Und doch: Was will Rainald Goetz eigentlich?

Was will Rainald Goetz?

Es ist auf keine gute Art böse, was er da über Frauke Brosius-Gersdorf schreibt: „Sie setzt bei Lanz auf ihre Persönlichkeit“ – und damit schade sie sich selbst. Okay. Harter Treffer. – Aber worüber ist er überhaupt so verärgert? Ja, Frauke Brosius-Gersdorf ist keine Entertainerin, das stimmt. Aber warum sollte man das „von einer 54-jährigen renommierten Rechtsgelehrten erwarten“? – Und warum sollte man, wie Rainald Goetz schreibt, ausgerechnet von ihr erwarten, dass sie weiß „wie ÖFENTLICHKEIT funktioniert“?

Doch: Weiß Rainald Goetz denn wie Öffentlichkeit funktioniert? Wenn ja, dann hat er ein wunderbares Marketing zu seiner Person losgetreten. Und wirklich verloren hat er ja auch nicht, denn sympathisch wirkte er ja auch zuvor nicht. Also nie. Überhaupt niemals. Wenn nicht, dann hätte man ihn warnen sollen.

Ein merkwürdig hasserfüllter Tonfall

Aber was soll dieser merkwürdige, tendenziell hasserfüllte Tonfall, der sich in Sätzen wie dem folgenden niederschlägt?

Dann sitzt da bei Lanz bebend, rhetorisch geübt, zugleich kindhaft egoman eine Frau, die offenbar über ihr Ich so wenig weiß, daß sie glauben kann, mit einem solchen AUFTRITT der Öffentlichkeit vorzuführen, wie geeignet sie für das Amt am Verfassungsgericht ist.

Goetz über Brosius-Gersdorf

Hui, lieber Rainald Goetz, woher kommt das denn? Wer ist denn hier gerade kindhaft egoman – und setzt seine private Antipathie gleich mit dem kollektiven Erleben der Öffentlichkeit gleich? Und wo wir gerade so nett über mangelnde Selbstreflexion sprechen:

Aber man sieht übergrell einen Mangel an Selbstreflexion, Selbstrelativierung, alltäglichem Weltverstehen, erstaunlicherweise auch ein Defizit an Erkenntnis der gegenwärtigen Gesellschaft, insgesamt an Reife.

Goetz über Brosius-Gersdorf

Ist das eher ein Vorwurf oder ein Geständnis? Ich bin mir unsicher & ich bin ein Fan von Rainald Goetz: Aber Selbstrelativierung? Selbstreflexion? Alltägliches Weltverstehen? – Sorry, aber: Ich sag mal so – bisher kam das in den Texten Rainald Goetzens eher nicht vor. Also, so gar nicht.

Aber ich bin mir (fast) sicher. Rainald Goetz ist privat ein total netter Kerl. Er würde niemals Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung so dermaßen brutal unreif ihre „UNREIFE“ vorhalten. Bestimmt nicht. I wo. Niemals. Ein Ausrutscher also? Wer weiß.

Vielleicht doch ein tieferer Sinn?

So oder so steckt irgendwo in dieser Suada aber doch ein wertvoller Hinweis. Einer, der Rainald Goetz im rechten Licht erstrahlen lässt. Fast Märtyrerhaft: Denn Rainald Goetz, das ist einer von denen, die von sich wissen, wie desaströs sie auf andere wirken. Und um das zu zeigen, traut er sich jetzt aus der Deckung. Endlich.

Das könnte die Kandidatin mit etwas mehr Menschenkenntnis verstanden haben, daß sie zuallererst mit ihrem Naturell auf Widerstand stößt, nicht nur mit ihren Positionen. Aber auch daran, zugespitzt gesagt: an Weisheit, fehlt es ihr.

Goetz über Brosius-Gersdorf

Er, Rainald Goetz, er hat diese Menschenkenntnis. Offensichtlich. Sonnenklar. Und er hat sich bisher nur weise zurückgehalten mit allzu relevanten Äußerungen. Auch klar. Die hätten sich außerhalb eines überspannten Kunstsystems ohnehin nur als verfängliche äußern können. Kaum anschlussfähig, kommunikationsunterbindend, sackgassig.

Doch jetzt, so scheint es, hat Rainald Goetz, vor dem Fernseher sitzend, wie das Boomer so machen, sich gedacht: ‚Das geht doch so nicht weiter!‘ Und kindisch egoman, wie er nunmal ist – oder zumindest auf diese Öffentlichkeit wirkt – hat er sich entschlossen: ‚Ich setze jetzt einfach mal einen kleinen subversiven Post ab, um zu zeigen, dass wenigstens ich weiß, wie Öffentlichkeit funktioniert.‘ Ein Post als Performance. Denn performativ wollte er zeigen, wie man(n) es richtig macht. Mansplaining, produktionsästhetisch.

Vielleicht auch: ein Post als Hilferuf?


Denn das ist Rainald Goetzens Post: Kein Hilferuf! Nein: Ein subversiver Akt, ein Kassiber, der bloß auf einer oberflächlichen Ebene einen in der Agora schon arg ramponierten Menschen nochmals kräftig runtermacht. Tatsächlich ist das Sprachkunstwerk „CCLX“ nichts weniger als das ultimative Eingeständnis, dass er, Rainald Goetz, „kraft seiner Menschenkenntnis verstanden hat, daß er zuallererst mit seinem Naturell auf Widerstand stößt, nicht nur mit seinen Positionen.“ Denn wenn er die Wahrheit dieses Satzes erkannt hat, dann kann man sagen: An einem fehlt es ihm, dem Rainald Goetz, zugespitzt gesagt, eben nicht: an Weisheit. Das heißt hier: an Einsicht in die eigene Wirkung auf andere.

Und wen kümmert das schon, dachte er sich, Yolo. Auch weil: im Gegensatz zu Frauke Brosius-Gersdorf muss er kein Amt mehr bekleiden, muss nicht mehr gewählt werden, muss überhaupt gar nichts, als hin und wieder einen kleinen Shitstorm lostreten, der sich in den Verkaufszahlen seiner Bücher niederschlagen wird.

Traum des Suhrkamp-Pop: Bei NIUS zitiert werden

Es ist ein wenig dürftig, menschlich bedenklich, dies auf dem Rücken einer Person zu tun, die schon ganz schön kassiert hat – und es ist auch sehr, sehr schade, dass Rainald Goetz damit vor allem der rechten Seite einen riesigen Gefallen tut. – Aber hey: Dass Rainald Goetz bei NIUS zitiert wird, kann ja auch als eine Art Ritterschlag verstanden werden. Als Kreuzritterschlag. Endlich raus aus der Suhrkamp-Ecke! Und überhaupt: Ich bin mir sicher, dass Lesungen in Schnellroda auch eine tolle Sache sind. Ganz bestimmt.

Aber mal im Ernst: Ich bin mir leider tatsächlich sicher, dass Rainald Goetz das alles verstanden hat. Er weiß ja, wie Öffentlichkeit funktioniert. Er liest Luhmann. Und ist Arzt. Und generell ein ziemlicher Hecht.

2 Kommentare zu „Rainald Goetz. Oder: Einer, der weiß, wie Öffentlichkeit funktioniert?

  1. Immerhin habe ich den Namen jetzt auch mal gehört. Nein, nicht den von Frau Brosius – Gernsdorf, den hatte ich schon mal irgendwo gehört. Kann noch nicht lange her sein, da er mir noch im Gedächtnis blieb udn auch so viel: Da macht sich jemand ernsthafte Gedanken. Nicht nur so Haschen nach Aufmerksamkeit.
    Ich meine den anderen. Goetz. Hab ich auch schon mal gehört, aber in völlig anderem Zusammenhang. Von Berlichingen war so einer, so ein Götz. Wie gesagt, das war ein anderer, also nein, den Typen kenn ich nicht.

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    1. Ein sehr schöner Kommentar, der die Verhältnisse gut zurechtrückt. Rainald Goetz ist schon – als Schriftsteller – nicht ganz unspannend, würde ich sagen. Gleichwohl: die Gewichte sind ziemlich ungleich verteilt zwischen den beiden, sie war halt auch einfach öfter bei Lanz als er. 😊
      Götz von Berlichingen jedenfalls war ja, obwohl Raubritter, eine doch sehr positive Figur. Ich weiß nicht genau, wem er in der Debatte sein er-aber-könne-mich-im-usw. entgegengerufen hätte, vermute aber, es wäre nicht Frau Brosius-Gernsdorf gewesen.
      Aber konzentrieren wir uns auf das Schöne: Du hast einen neuen Namen gehört. Ob daraus was folgt – ich bin gespannt.

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