„Was mich erstaunt, ist, dass in unserer Gesellschaft die Kunst nur noch eine Beziehung mit den Objekten und nicht mit den Individuen oder mit dem Leben hat“ (Foucault 2007, 201). Dieses Erstaunen mündet in die Frage: „Aber könnte nicht das Leben eines jeden Individuums eine Kunstwerk sein?“ (ebd.).
Bodybuilding als Lebensentwurf und Kunst
Bodybuilder:innen haben ein Hobby, das als solches eigentlich gar nicht mehr bezeichnet werden kann. Bodybuilding kostet Geld, Fleiß und lässt sich nicht mit jedem Lebenskonzept vereinbaren. Bodybuilding ist ein Lebensentwurf, der seinen Tribut fordert (Kläber 2013, 23 f.). Aber: „Bodybuilding beinhaltet […] einen ‚roten Leitfaden‘ fürs gesamte Leben. […] Deshalb gibt Bodybuilding dem Leben des […] Athleten […] Sinn und Halt und ermöglicht so dessen Identitätsfindung“ (Kläber 2013, 26 f.).
An dieser Stelle sei auf Lacans Spiegelstadium verwiesen: Pumpen als Bildner der Ich-Funktion. Es ist nicht nur der Blick in den Spiegel, es ist das Sprengen des Spiegels, das als Ziel fungiert. Oder eine Nummer drunter: Das Ziel des Bodybuilding ist Identität. „Ein Satz Kniebeugen, 200 Kilo auf den Schultern, knirschende Gelenke, der Blick in den Spiegel – stramm und straff verdrängt der Bodybuilder den formlosen Umraum, füllt ihn […] mit scharf konturiertem Formfleisch“ (Scheller 2010, 56). Bodybuilding „stellt […] eine immerwährende und freiheitliche Gestaltungsaufgabe dar“ (ebd.).
Der Mensch ist nichts anderes, als wozu er sich macht (Sartre)
Scheller reaktiviert Sartre wenn er schreibt: „[V]ergleichbar mit der existenzialistischen Philosophie steht im Bodybuilding […] das Selbstverständnis und die Selbsterfahrung des Einzelnen im Vordergrund“ (ebd., 57).
Ausgehend von einer „«Entfremdung» des Körpers führt der Weg im Bodybuilding über die aktive «Verfremdung» des Körpers qua Training hin zur Deklaration der Verfremdung als authentischer Zustand“ (ebd.).
Bodybuilder:innen erzeugen sich orthopädisch selbst. „Aus der Grundsituation des zufälligen Geworfen-Seins entwickelt der Bodybuilder einer neue existenzielle Form“ (ebd., 58). Zusammenfassend schreibt Scheller: „Die Ethik des exogenen Engagements wird übertönt von der Ästhetik einer ins Körperliche gewendeten endogenen Imperativs: Du darfst nicht bleiben, der du bist!“ (ebd., 59).
Bodybuilding und Foucault
Dies verweist allerdings auf eine Finalität. Die Ästhetik des Bodybuildings mag selbstreferenziell sein und jeglicher Funktion eine klare Absage erteilen, dennoch steckt dahinter harte Arbeit. Arbeit kann aufgefasst werden als der Versuch, dem Wuchern der Kontingenz Einhalt zu gebieten. Das ist nicht ohne utopischen Beigeschmack. Bodybuilding verspricht etwas. Bei Foucault heißt es: „Mein Körper ist das genaue Gegenteil einer Utopie, er ist […] das kleine Stück Raum, mit dem ich […] eins bin“ (Foucault 2013, 25).
Später schreibt er: „Mein Körper ist der Ort, von dem es kein Entrinnen gibt“ (ebd., 26). Genau hier setzt die utopische Verheißung des Bodybuildings an: „Ich glaube, alle Utopien sind letztlich gegen [den Körper] geschaffen worden“ (ebd.).
Besondere Bedeutung kommt dabei dem „Traum von einem riesigen, überdimensionalen Körper, der den Raum verschlingt und die Welt beherrscht“ zu (ebd., 31). Der utopische Körper des Bodybuildings dehnt sich aus. Mit Lacan könnte vom Panzer gesprochen werden. Der Körper verdrängt Umwelt und lässt die Ausdehnung des Subjekts explodieren. Bodybuilding kann als Versuch gelesen werden, die Welt zurückzudrängen. Das geschieht einerseits durch die konkrete Sinnstiftung, die das Bodybuilding liefert, anderseits durch die konkrete Ausdehnung, die der Bodybuildingkörper materialisiert. Ein Riese unter Menschen zu sein – ein Glücksversprechen und damit utopisch.