„Ich könnte bis ans Ende der Welt laufen, ich könnte mich morgens unter der Decke verkriechen, ich könnte mich so klein machen, wie ich wollte, ich könnte mich an den Strand legen und in der Sonne schmelzen, er wäre immer dort, wo ich bin.“ Die Rede ist nicht von einem Stalker – den könnte man seit 2007 immerhin anzeigen. Die Rede ist von einem, dessen Nachstellungen nicht unterbunden werden können: „Er ist ganz unausweichlich immer hier und niemals anderswo. Mein Körper“.
„Mein Körper“, schreibt Foucault, „ist das genaue Gegenteil einer Utopie, er ist niemals unter einem anderen Himmel, er ist der absolute Ort, das kleine Stück Raum, mit dem ich buchstäblich eins bin.“ Und weil der Körper das Gegenteil einer Utopie ist, glaubt Foucault, „alle Utopien sind letztlich gegen ihn geschaffen worden, um ihn zum Verschwinden zu bringen“.
Das klingt nach Platonismus, nach dem Körper als Gefängnis der Seele. Und es klingt nicht nach Foucault. – Ist das denn der gleiche Foucault, der keine zehn Jahre später die Sätze schrieb: „Eine «Seele» wohnt in ihm und schafft ihm eine Existenz, die selber ein Stück der Herrschaft ist, die Macht über den Körper ausübt. Die Seele: Effekt und Instrument einer politischen Anatomie.“ Und natürlich: „Die Seele: Gefängnis des Körpers.“
Er ist es. Denn schon in den Sechzigern galt: „Der menschliche Körper ist der Hauptakteur aller Utopien“. Der Körper ist also nicht nur Auslöser des utopischen Gedankens, er ist auch Träger des utopischen Gedankens. Der Körper ist die Utopie und zwar, indem er der radikalisierte Ort ist, der Ort, der immer da ist, der Ort, in dem man ist, der Ort, der man ist.
Das mag nicht immer so gewesen sein, fest steht aber, dass die Menschen, nachdem sie irgendwann erfunden worden waren, sich an die Beherrschung des eigenen Körpers machten. Aber: „Die Beherrschung des eigenen Körpers und das Bewusstsein von diesem konnten nur als Effekt der Besetzung des Körpers durch die Macht erworben werden“. Der Körper musste zunächst als Verwertbarer in den Fokus der Macht geraten, damit er überhaupt als wertvoll erschien. Erst der Fremdzugriff in Kaserne, Asylum & Schule weckte den Wunsch nach dem eigenen Körper. Und dennoch ist er nach wie vor ein Problem, ein massives Problem – mal mehr, mal minder.
Wie kann man mit diesem Problem umgehen? Kann man mit dem Problem umgehen? Und kann man utopischen Umgang mit seinem Körper pflegen? Man kann, auf vielfältige Weise, davon bin ich überzeugt. Aber interessiert bin ich hier nur an zwei Weisen, mit dem Problem seines Körpers umzugehen.
Das Eingangszitat verkoppelt Körperlichkeit mit Raumverdrängung. Das klingt nicht nur nach der Res extensa, das ist sie auch. Wenn diese Raumverdrängung als Problem wahrgenommen wird, so gibt es, meine ich, letztlich auch nur zwei Arten der Kompensation. Die eine findet sich in Kafkas Hungerkünstler, die andere im postmodernen Bodybuilding.
Beide Arten eint, dass der Körper als Medium zwischen einem Subjekt und der Welt betrachtet wird. Mit anderen Worten: Ihre Körper sind Leib.
Der Hungerkünstler nun sucht durch ein Unterlassen seinem Körper beizukommen. Sein Körper ist dabei das Ziel, sein Leib das Mittel. Aber während er im eitlen Prozess des Unterlassens befangen ist, nagt die Unzufriedenheit an ihm: „Er allein […] wußte, auch kein Eingeweihter sonst wußte das, wie leicht das Hungern war. Es war die leichteste Sache von der Welt. Er verschwieg es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht.“ Und weil man ihm nicht glaubt, ist sein Kampf mit dem Leib gegen den Körper auch nicht von tiefergehendem Interesse. Oder vielmehr: Der Kampf kann gar nicht von tiefergehendem Interesse sein, da das Ziel des Hungerkünstlers die notwendige Vereinze(l)lung ist. Sein utopisches Projekt ist es, sich auf einen Punkt herunter zu hungern, auf eine kleinste Einheit, die so klein ist, dass sie vor dem Zugriff der Welt – dies ist ja das, worauf auch Foucault im Eingangszitat rekurriert – durch ihre schiere Insignifikanz geschützt ist.
Als man den Hungerkünstler irgendwann lässt, da man vollends das Interesse an ihm verloren hat, macht er gewaltige Fortschritte. Er wird rasch so klein, dass man ihn einfach vergisst. Vor seinem Tod – von dem gar nicht ausgemacht ist, ob er wirklich Tod durch Unterernährung ist – vor seinem Scheitern also bekennt der Hungerkünstler, dass es sein Körper war, der ihn zur leibhaften Negation des Körpers trieb. Er habe nicht die Nahrung finden können, die ihm schmeckte: „Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle“. Der Hungerkünstler war unfähig, Lust zu empfinden und suchte sich der zudringlichen Zuhandenheit der Welt zu entziehen durch äußerste Konzentration auf einen Punkt. Letztlich ist es eine Entkörperung, die hier den utopischen Versuch abgibt. Auch Foucault kennt dieses Ziel: „Die Utopie ist ein Ort jenseits aller Orte, aber ein Ort, an dem ich einen körperlosen Körper hätte“
Der postmoderne Bodybuilder hingegen ist von entgegengesetzter Orientierung. Er schafft sich gerade dadurch, dass er die Welt an ihrer Zuhandenheit packt, gerade dadurch, dass er die Arbeit verabsolutiert, einen Zweitkörper, eine Art materialistischen Astralleib, der den Raum, den der Bodybuilder einnimmt, ausdehnt. Auch ihm winkt ein utopisches Versprechen und auch er benutzt den Leib, um den Körper, seine Schnittstelle, zu verschieben. Beide Arten sind gekennzeichnet von einer Verschiebung, nur dass die Verschiebung des Hungerkünstlers nach Innen gerichtet ist, während der Bodybuilder voll auf Expansion setzt. Natürlich muss auch der Bodybuilder scheitern – und das nicht nur an der Kontingenz, die jedem Wachstum ein Ende setzt. Der Bodybuilder muss scheitern, weil er sein will wie jene Karte, die aus Borges‘ inzwischen unlesbaren Fabel stammt. Und doch: Auch ihm gesteht Foucault zu, Utopie zu betreiben: „Schließlich ist eine der ältesten Utopien […] der Traum von einem riesigen, überdimensionalen Körper, der den Raum verschlingt und die Welt beherrscht“.
Der Körper, der als Problem zwischen Subjekt und Welt rückt, fordert verschiedene Techniken heraus, entwirft verschiedene Utopien. Die hier angedeuteten bestehen entweder im punktuellen Verschwinden oder im Verschwinden qua Ausdehnung. Gemein ist beiden das Leiden an der konstitutiven Raumverdrängung. Diese Raumverdrängung ist aber – und genau darauf läuft der Vortrag Foucaults hinaus – aber auch der Grund für Begehren, Lust und Intersubjektivität. Vielleicht sind Körperpraktiken wie die des Hungerkünstlers oder anderer Anorektiker auf ein Zuviel an Körper zurückzuführen. Der Körper schiebt sich übermächtig zwischen Leib und Welt und muss diszipliniert werden. Beim Bodybuilder oder anderen Binge-Eatern ist es vielleicht ein Zuwenig an Körper, sodass die Welt überzogen werden muss mit der eigenen Ausdehnung.
So oder so: Es sind Techniken, die den eigenen Untergang als Utopie feiern.