Was ist ein Autor?

Ein Vortrag, der das halbe Jahrhundert bereits vollgemacht hat. Ein alter Vortrag also. Ein klassischer. 1969 hielt Michel Foucault, Professor am Centre Universitaire Expérimental de Vincennes, erstmalig den nichts weniger als legendären Vortrag Was ist ein Autor? Qu’est-ce qu’un auteur?

Dem Vortrag ist ein kurzer Fahrplan vorangestellt. Man könnte auch sagen, ein Abstract. Grundlage dabei: Der Tod des Autors. Foucault sagschreibt: „Die Auslöschung des Autors ist für die Literaturkritik (…) zu einem gängigen Thema geworden. Das Wesentliche besteht indes nicht darin, ein weiteres Mal sein Verschwinden zu konstatieren“ (234). Vielmehr gelte es „die Orte ausfindig zu machen, an denen seine Funktion ausgeübt wird“ (ebd.).

Nicht umsonst klingt das nach Frege. Ein Satz über einen beliebigen Text wird notwendig ein anderer, wenn er mit dem Argument Autor versehen wird. Die Sätze: „Katz und Maus ist eine großartige Novelle“ und „Grass‘ Katz und Maus ist eine großartige Novelle“ unterscheiden sich fundamental voneinander. Im Laufe dieses Beitrags wird klar werden, warum. Hoffentlich.

Zurück zu Foucault: Welche sind die Orte, an denen die Funktion des Autors ausgeübt wird?

  1. Der Name des Autors. Nach Foucault ist es unmöglich den Autorennamen wie eine begriffliche Definition zu behandeln. Eine Ausnahme wäre vielleicht Kafka – wobei kafkaesk kein wirklicher Begriff ist, sondern eher eine leere Formel, eine Restekategorie. Foucault sagt aber auch: Der Name des Autors lässt sich nicht wie ein gewöhnlicher Eigennamen benutzen. Denn der Name ist immer verknüpft mit einem Werk, ist nie bloße Bezeichnung einer Individualität.
  2. Das Aneignungsverhältnis. Ein Autor ist kein Eigentümer der Texte, er ist aber auch nicht verantwortlich (Jünger der engagierten Literatur kribbelt’s jetzt natürlich). Der Autor „ist weder ihr (der Texte) Produzent noch ihr Erfinder“ (ebd.). Texte gründen in Tradition, Konvention und finden erst in der Rezeption ihre Produktion.
  3. Das Verhältnis der Zuschreibung. Zwar kann man dem Autor die Äußerung eines Textes zuschreiben. Allerdings ist die Zuschreibung „das Ergebnis komplexer und selten begründeter Verfahren der Literaturkritik“(235). Literaturkritik ist übrigens synonym mit Literaturwissenschaft (die Unterscheidung gibt es – soweit ich weiß – nur im Deutschen). Wir schreiben Texte einem Autor zu, so wie ich diesen Text Foucault zuschreibe. Diese Zuschreibung ist problematisch.
  4. Die Position des Autors. Wie erscheint der Autor im Text? Autobiographien oder Ratgeber konstruieren ein sprechendes Ich, das Rezipienten imaginieren. Was aber macht das mit dem Text? Wie ist es um Autoren in den Wissenschaften bestellt? Was macht zum Beispiel den Vortrag hier zu einem foucault’schen Werk? Und schließlich: Was ist ein Autor in einem Diskursfeld? Was bedeutet es, wenn wir sagen: „Foucault sagt x“?

Wen kümmert’s wer spricht?

Foucault konstatiert: „Der Begriff Autor bildet den Angelpunkt der Individualisation in der Ideengeschichte, der Geistes- und Literaturgeschichte, ebenso in der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte. Selbst wenn man heute die Geschichte eines Begriffs, einer literarischen Gattung oder eines bestimmten Typus von Philosophie nachzeichnet, glaube ich, betrachtet man diese Einteilungen wohl als relativ schwache, sekundäre und überlagerte Einteilungen im Verhältnis zu der primären, festen und grundlegenden Einheit von Autor und Werk“ (237). Ausgangslage der Vortrags ist das Schreiben in Foucaults Gegenwart. Schreiben, wie es bei Kafka der Fall ist. Modernes Schreiben ist es, was den Autor getötet hat (nicht etwa die Literaturkritik, der es oft angekreidet wird).

Der Tod des Autors ist nach Foucault aber bl0ßes Lippenbekenntnis (was nicht unbedingt schlimm sein muss). Er schreibsagt: „Ich bin (…) nicht sicher, ob man auch rigoros alle Konsequenzen aus dieser Feststellung gezogen und ob man überhaupt die ganze Tragweite des Ereignisses erfasst hat“ (239). Foucault erläutert dies an zwei Begriffen: Werk und Schreiben.

Werk

Wenn der Autor tot ist, gilt: „Kritik (…) soll (…) das Werk in seiner Struktur analysieren“ (240). Die Biografie eines Autors kann nicht dazu dienen, (s)ein Werk zu entschlüsseln. Textimmanenz ist hier das Zauberwort. Foucault gibt aber zu bedenken, dass ein Werk sich erst von seinem Urheber her konstituiert. Ein Werk braucht einen Autor, einen, der es gemacht hat, einen Werker.

Gleichzeitig ist ein weiteres Problem aber darin zu sehen, dass nicht alles, was ein Autor geschrieben oder gesagt hat, zu seinem Werk gehört. „Wenn man zum Beispiel daran geht, die Werke Nietzsches zu veröffentlichen, wo soll man Halt machen? Man soll alles veröffentlichen, gewiß, aber was heißt dieses alles? Alles, was Nietzsche selbst veröffentlicht hat, einverstanden. Die Entwürfe seiner Werke? Zweifellos. Die geplanten Aphorismen? Ja. Ebenso die Streichungen, die Randbemerkungen in den Notizbüchern? Ja. Aber wenn man in einem Notizbuch voller Aphorismen einen bibliographischen Nachweis, einen Hinweis auf eine Verabredung, eine Adresse oder einen Wäschereizettel findet: Werk oder nicht Werk? Aber warum nicht?“ (ebd.)

Dem Problem des Autors kann man nicht aus dem Weg gehen, indem man direkt zum Werk übergeht. Das Werk ist „ebenso problematisch wie die Individualität des Autors“ (241).

Schreiben

Zur Zeit des Vortrags galt klar der Vorrang der Schrift. In der Schrift verschwindet der Autor, er entzieht sich, stirbt in der Schrift. Die Schrift, als Spiel der Signifikanten, als symbolische Ordnung, ist das, was einen Text ausmacht, nicht das transzendentale Signifikat namens Autor.

Dazu bemerkt Foucault jedoch: „Ich frage mich, ob dieser Begriff“, der Begriff der Schrift nämlich, „nicht die empirischen Charakterzüge des Autors in eine transzendentale Anonymität übersetzt“ (ebd.). Denn „(w)enn man dem Schreiben (…) einen ursprünglichen Status zuweist, so ist dies wohl nur eine Art, einerseits die theologische Behauptung vom geheiligten Charakter der Schrift und andererseits die literaturwissenschaftliche Rede vom schöpferischen Charakter des Schreibens ins Transzendentale rückzuübersetzen“ (ebd.).

Denn es bleibt ja dabei, dass man der Schrift (als Stellvertreter des gottähnlichen Autors) verborgene Sinne zuweist. Es bleibt dabei, dass die Schrift der Hermeneutik harrt. Bleibt dabei, dass Schrift sinnhaftig ist. Der Autor wird nur durch Schrift ersetzt, so wie der Autor im 18. Jahrhundert die Schrift ersetzt hat.

Was aber ist er nun, der Autor? Wie funktioniert ein Autor? Was macht ihn aus, nach wie vor, auch wenn man nicht in die Falle von Werk und Schrift tappt?

Der Name des Autors

Der Autorname ist (irgendwie) ein Eigenname. Unter Goethe versteht man eine historische Person, die von 1749 bis 1832 (glaube ich) gelebt hat, eine unansehnliche Nase und vermutlich ein uneingestandenes Alkoholproblem hatte. Ein Eigenname ist mehr als ein indexikalischer Ausdruck, er ist eine Beschreibung (Lebenszeit, Nase, Alkoholproblem, …). Aber Autor- und Eigenname funktionieren nicht komplett gleich.

Wenn herauskommen sollte, dass Goethe kein Alkoholproblem und keine häßliche Nase gehabt hat, ändert das nichts an der Person Goethe. Die Person Goethe bleibt eine historische Person namens Goehte. Selbst wenn Goethe eigentlich Göte hieß oder Göter, bliebe die Beziehung stabil. Der Autorname jedoch funktioniert anders als der Eigenname.

Wenn Goethe nicht in Frankfurt am Main geboren wurde, dann hat die Uni in Frankfurt den falschen Namen. Okay, das wäre nicht weiter wild. Wenn aber Goehte überhaupt kein Hesse gewesen sein sollte, dann hat das durchaus Implikationen für sein Werk. Plötzlich reimt sich „Ach neige, neige / Du Strahlenreiche“ sich nicht mehr. Das Werk wird modifiziert. Noch schlimmer natürlich, wenn herauskommen sollte, dass Goehte den Werther nicht geschrieben hat. Plötzlich wäre Goethe ein anderer. Ein schlechterer auch. Wenn dann auch noch nachgewiesen werden könnte, dass Goethe die Marquise von O… geschrieben hat, wäre Goethe ein völlig anderer. Ein besserer auch.

Woran liegt das? Ein Autorname ist „nicht einfach ein Element in einem Diskurs“ (244). Ein Autorenname „garantiert ihre Einteilung; mit einem solchen Namen kann man eine gewisse Zahl von Texten zusammenfassen, sie abgrenzen und anderen gegenüberstellen“ (ebd.).

Ausserdem bewirkt ein Autorname, dass ein Text nicht als bloßes Gerede verstanden wird. Der Text gewinnt an Gewicht, wenn ihm ein Autor zugeordnet wird. Er wird ein Text, den zu rezipieren sich schickt. Ein Autorname ruft einen Diskurs gewissermaßen hervor, er grenzt ihn von anderen Diskursen ab. Goethe fungiert als Autorfunktion eines ganzen Diskurses (und irgendwie ist es dann ziemlich latte, ob er das, was ihm zugeschrieben wird, auch geschrieben hat).

Aneignung

In dem Moment, in der Autoren für ihre Texte bestraft werden konnten, in dem Moment, in dem Urheberschaft mit Verantwortlichkeit zusammengedacht wurde, entstand der Autor. Das ist natürlich zweischneidig, da Autor und Urheber nicht nur bestraft, sondern auch schlicht und ergreifend bezahlt werden können. Der Autor steht in einer gewissen juristischen Beziehung zum Werk.

Zuschreibung

Noch im Mittelalter war der Urheber eines Werkes herzlich egal. Es war ja sowieso irgendwie Gott. Ein Epos brauchte keinen Urheber, keinen Autor. Auf der anderen Seite jedoch, auf der wissenschaftlichen, war der Urheber Ausweis der Richtigkeit des Textes. Thomas von Aquin etwa bezieht sich nur auf den Philosophen, womit er Aristoteles meint. Dieser Hinweis genügte, die Wahrheit des Gesagten zu verbürgen. Klassische Autoritätenargumente also. Bei der Poesie jedoch war der Autor egal.

Heute jedoch ist das, fast, umgekehrt. Wer ein Gedicht geschrieben hat, interessiert uns. Ja, einige Gedichte werden erst schön, wenn man sie einem Autor und damit einem Diskurs zuordnet (beispielsweise expressionistische Gedichte vom Schlag eines Georg Heym – wüsste man nicht, woher sie stammen, sie klängen nach schwulstigem Geschrei). In der Wissenschaft ist es anders (ausser vielleicht in den Kulturwissenschaften, wo es mit einer eigenartigen Befriedigung verbunden ist, Sätze, die mit Foucault sagt beginnen, zu äußern).

Foucault sagt: „Literarische Anonymität ist uns unerträglich“ (247). Wenn ein Text ohne Namen auftaucht, so machen sich sogleich Herrscharen gelangweilter Wissenschaftler daran, den Autor zu identifizieren. Der Autor ist im poetischen Diskurs Conditio sine qua non.

Position

Wie verhält sich der Autor zum Geschriebenen? In der Literatur ist das scheinbar klar: Der Autor ist nicht der Erzähler oder das lyrische Ich (was das Gleiche ist). Aber ist der Autor der Schreibene? Der Autor spricht zum Beispiel im Vorwort oder ist es der Schriftsteller, der dort spricht? Beim Drama: Wer sagt die Regieanweisungen? Wer schweigt im Versumbruch des Gedichts? Wo ist etwa David Foster Wallace zu verorten: Als Erzähler im Text? Natürlich nicht! In den Anmerkungen und Fußnoten? Schon eher, aber nein. Aber wo dann? Der Autor entspringt, so sagt es Foucault, dem Bruch. Zwischen Schriftsteller, Erzähler, fiktivem Herausgeber, Kommentator, dazwischen (und in allen) entspringt der Autor. Was ist also der Autor? Vielleicht das, was sich entzieht und doch das, was allem zugrunde liegt.

Quelle: Michel Foucault: Schriften zur Literatur, Frankfurt am Main 2012: Suhrkamp.

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