Ein ganzschön großkotziger Titel, oder? Na, aber immerhin geht’s hier auch um ein großes Thema, das, der Diskussion um Postfaktizität sei Dank, einigermaßen zum Kotzen ist. Oder es wenigstens sein kann. Wenn man’s falsch macht. Oder so.
Hier also geht es um Wahrheit und die alte Frage, was denn überhaupt die Wahrheit sei. In diesem Beitrag werden einige philosophische Theorien der Wahrheit kurz und knapp vorgestellt. Anschließend kannst Du Dir überlegen, welche Wahrheit Deine ist. Oder Du lässt es und hinterlässt mir dafür den einen oder anderen Kommentar.
Die lateinische Phrase in der Überschrift ist Dir vielleicht bekannt. Wenn nicht, könntest Du’s natürlich googeln. Oder Du liest einfach weiter.
Quod est veritas? Diese Frage stellt der gute alte Pontius Pilatus dem charismatischen Sektenführer aus Nazareth, nachdem dieser jenem sagt, er sei gekommen, Zeugnis für die Wahrheit abzulegen. PP stellt die einzige Frage, die angesichts des Sendungsbewusstseins eines jungen, charismatischen Protochristen noch irgendwie vertretbar ist: Wovon sprichst Du? Was ist das, wovon Du Zeugnis ablegen willst?
Und was passiert? Jesus hat keine Antwort. Das heißt, er hätte wahrscheinlich sehr viele, aber erkennt, dass angesichts der kalten Vernunft des Lateiners warme Worte nutzlos sind.
Das wiederum hat zur Folge, dass das christliche Abendland keine kanonische Antwort auf die Frage nach dem, was Wahrheit sei hat und außerdem, dass dieser Text hier einen Aufhänger hat. Also: Quod est veritas?
Wahr ist, was stimmt (Korrespondenztheorie)
Das, was die meisten wohl als Wahrheit bezeichnen würde, ist das, was die Korrespondenztheorie sagt. Nach ihr ist wahr, was stimmig ist, was stimmt. Klingt erstmal wie eine Banalität, hat aber eine Menge Implikationen. Was bedeutet denn stimmig zu sein?
Stimmig-sein ist ein Verhältnis zwischen zwei Gegebenheiten. Meine gute Laune kann zum Sonnenschein passen (der im Moment leider nicht herrscht, was meine Laune erklärt…). Mein sonniges Gemüt korrespondiert dem sonnigen Wetter.
Aber vorsicht! Stimmigkeit als Kriterium passt auch zur nächsten Theorie. Bei der Korrespondenz muss es also noch etwas anderes geben.
Wahrheit besteht, wenn zwischen einem Gegenstand A und einem Gegenstand B irgendeine Form der Übereinstimmung besteht. Wenn A und B identisch sind, so gilt, was für A gilt auch für B und umgekehrt. Was immer also über A gesagt wird und wahr ist, gilt auch für B. Ist das wichtig?
Ja, denn die Korrespondenztheorie geht davon aus, dass Wahrheit eine Eigenschaft ist, die ausschließlich Sätzen bzw. Überzeugungen bzw. Urteilen zukommt. Gegenstand A und Gegenstand B können also gar nicht so richtig identisch sein. Wenn Gegenstand A nämlich ein Zustand in der Welt ist und Gegenstand B ein Satz über diesen Zustand in der Welt, dann ist es mit der Identität so eine Sache.
Und überhaupt ist es mit der Korrespondenztheorie so eine Sache. Sie geht nämlich nicht nur davon aus, dass nur Sätze wahr oder falsch sein können, Sie geht auch noch davon aus, dass wir uns auf außerpsychische Gegegebenheiten adäquat beziehen können. Genau hier liegt das Einfallstor für die skeptizistischen Horden.
Dennoch ist die Korrespondenztheorie die Theorie der Wahl, wenn’s an den Common Sense geht. Wenn ich etwas sage (das Wetter ist scheiße!), dann gehe ich von der Wahrheit meiner Aussage aus, denn Satz und Welt passen zueinander. Das Problem ist, dass dadurch Sätze über die Welt irgendwie pointless werden. Wer nur sagt, was ist, der wiederholt nur, was da ist.
Und leider ist das ziemlich wahr.
Wahr ist, was passt (Kohärenztheorie)
Diese Theorie ist ein bißchen raffinierter. Im Rahmen der Kohärenztheorie wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch ein Überzeugungssystem im Kopf hat. Wobei: im Kopf, das ist nur eine Metapher… Wichtiger: Die Bewusstseinsinhalte eines denkenden Wesens stehen nicht als isolierte Daten nebeneinander, sondern beziehen sich aufeinander, bauen aufeinander auf usw.
Hier kann man zunächst ganz basale Überzeugungen identifizieren. Berühmt ist Descartes Cogito. Er denkt, deswegen ist er. Das ist eine basale Überzeugung: Ich bin. Der Zusatz Ich denke ist eine weitere Überzeugung und das also, das die beiden Elemente verbindet, ist ein funktionales Element. Keine Überzeugung, sondern vielmehr das technische Rückgrat der Überzeugungen. Descartes war sich seiner Sache ziemlich sicher.
In solch ein Überzeugungssystem passt die Überzeugung Ich existiere nicht schlicht und ergreifend nicht hinein. Der Grund dafür ist nicht etwa kognitive Dissonanz (die ist nur das Symptom), sondern vielmehr die dem Menschen irgendwie immanente Angst vor der Uneindeutigkeit. Viele von uns wollen, dass etwas so ist und nicht anders. Paradoxa sind cool im Film, wenn sie uns aber in der sog. Realität ereilt, werden wir ziemlich schnell panisch und finden uns unter Umständen recht schnell im Landeskrankenhaus wieder.
Nach der Kohärenztheorie nehmen wir etwas als wahr wahr, wenn es zu allen anderen Überzeugungen, die wir so hegen, passt. Die Stringenz von Verschwörungstheorien etwa verdankt sich diesem Umstand.
Das Ding ist aber nun, dass wir keine analytischen Philosophen sind (ich zumindest nicht). Wir können auch widersprechende Argumente und Überzeugungen hegen. Wir können uns ja immer auf metaphysische Gegebenheiten, Paradoxa oder Gefühle, Ahnungen etc. beziehen. Ob also zwischen einzelnen Überzeugungen nur die Figur des ausgeschlossenen Dritten vermittelt? I doubt it!
Dennoch ist die Kohärenztheorie sehr elegant. Aber eben elegant, wie es ein Philosophieprofessor in Oxford ist (Strawson ist denn auch der bekannteste Verteter einer Kohärenztheorie). Und das bedeutet: Sehr spannend ist das Ganze nicht.
Wahr ist, was gesagt wird (Diskurstheorie)
Diskurstheorien der Wahrheit gibt es mehrere und sie lassen sich weder von Kohärenztheorien noch von pragmatischen Theorien so richtig abgrenzen.
Berühmt ist die Diskurstheorie nach Habermas. Wahr ist hier, worauf sich im gewaltfreien Diskurs, in dem nur der zwanglose Zwang des besseren Arguments herrscht, geeinigt wird. Ein hehrer Gedanke, der von allen erdenklichen Seiten schon ordentliches bashing bekommen hat. Das mache ich also nicht. Im Prinzip ist da auch etwas dran. Wissenschaftliche Wahrheit muss der habermas’schen Doktrin verpflichtet sein, sonst ist sie korrumpiert. Es hat das als wahr zu gelten, worauf sich die Expert:innen geeinigt haben.
Allerdings ist Expert:in hier ein schwieriger Begriff. Soll einer Technokratie das Wort geredet werden? Mit Sicherheit nicht! Experte ist jeder Mensch, der sich der Vernunft bedient, der dem besseren Argument folgt. Das heißt: Jeder Mensch ist prinzipiell Experte, da jeder Mensch intuitiv weiß, was Logik ist. Das heißt: logisch ist.
Irgendwie erinnern die Diskursteilnehmer aber dann doch eher an Roboter als an Menschen. Ich für meinen Teil halte auch dann an Meinungen fest, wenn sie als falsch zu gelten haben, weil es deutlich bessere Argumente gibt, die dagegen sprechen. Und manchmal (oder sogar häufig) glaube ich eine Sache nur deswegen, weil sie mir jemand sagt, den ich schätze. Und regelmäßig glaube ich etwas nicht, weil ich die Verfechterin oder den Verfechter der Position, nun, sagen wir: nicht unbedingt sympathisch finde. Dazu kommt der Faktor Eitelkeit. Wer will schon öffentlich Unrecht haben?
Eine anders gelagerte Diskurstheorie verficht Michel Foucault. Hier ist der Diskurs das, was gesagt werden kann. Und das, was gesagt werden kann, ist irgendwie wahr. Das gehört aber streng zusammen mit Machtverhältnissen. Wer den Ton angibt, bestimmt letzten Endes, was wahr ist. Das kann eine Riege habermas’scher Technokraten sein, das kann Mutti am Frühstücktisch sein oder der Gesetzgeber.
Aber die Macht muss nicht unbedingt repressiv sein! Und Machtverhältnisse ändern sich. Das bedeutet, dass Wissen (also der Zustand, in dem einer Person klar ist, was wahr ist) veränderbar ist. Es ist nicht immer der gleiche Bestimmer, der Wahrheit setzt. Auch bei Foucault ist die Wahrheit ein umkämpftes Feld. Das Ergebnis sind Wissenskulturen. Wissenskulturen sind Diskurse, die aufgrund eines bestimmten Sets von Methoden Wissen (und somit Wahrheiten) produzieren. Wissenskulturen können gekapert werden.
Die Welt der alternativen Fakten öffnet sich hier als Abgrund. Es kann sein, dass das, was die Mehrheit heute noch für alternative Fakten hält, in wenigen Jahren Wahrheit wird.
Foucault und Habermas sind aber eigentlich keine Widersache. Habermas beschreibt eine Ethik des Diskurses und Foucault die Praxis des Diskurses. Wenn diese beiden zur Deckung gelangen, dann hat die Aufklräung Recht gehabt. Mit anderen Worten: Das wird nicht geschehen. Wahrscheinlicher ist das, was nun kommt.
Wahr ist, was nützt (pragmatische Theorie der Wahrheit)
Die Korrespondenztheorie ist eine Wahrheitstheorie, die intuitiv einsichtig ist, die aber gleichzeitig verdammt wenig aussagt. Die Kohärenztheorie wiederum ist elegant, geht vom Überzeugungssystem aus, extrapoliert aber die Stellung der Widerspruchsfreiheit. Analytische Philosophen mögen Kopfschmerzen bekommen, wenn sie Absurditäten an sich feststellen – ich hege und pflege meine Absurditäten und rede mir lieber ein, sie wären Charakteristika.
Die Diskurstheorien (Habermas mit seiner Konsenstheorie, Foucault mit seiner Machttheorie) sind da schon etwas elaborierter und treffender. Wahrheit ist tatsächlich eine Eigenschaft von Sätzen, also kann Wahrheit auch nur von anderen Sätzen unterstützt werden. Das ist Diskurstheorie.
Und jetzt die pragmatische Theorie. Sie ist gewissermaßen bei Foucault schon angelegt – tatsächlich aber ist sie vor allem mit dem Namen Nietzsche zu verbinden. In einem seiner vielleicht beeindruckensten Texte Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne macht Nietzsche klar, was mit pragmatischer Wahrheit gemeint sein kann.
Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind.
Nietzsche, Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne
Ein berühmtes Zitat, dass Du wahrscheinlich kennst. Aber genau hier geht es los! Schon Descartes Cogito ist nach Nietzsche nur Folge der grammatischen Gewohnheit, zu einem Verb ein Subjekt zu setzen. Wahrheit ist also tatsächlich eine sprachliche Funktion – aber ausschließlich!
Durch den langen Gebrauch vermeintlicher Wahrheiten werden diese nicht mehr als voraussetzungsvolle Sätze erkannt. Wahrheit verkommt zum Dogmatismus. Das bedeutet aber auch, dass sich Wahrheiten schaffen lassen. Schon Foucaults Wissenskultur (der Begriff stammt allerdings nicht von Foucault) hat dieses Problem angezeigt. Auch Fake News können irgendwann als Wahrheit gelten, zum Beispiel dann, wenn irrationale Beweggründe als zulässig erachtet werden. Das wiederum könnte bei entsprechenden Machtverhältnissen durchaus vorkommen. Im Nationalsozialismus galten Dinge als wahr, die wir heute für absoluten Schwachsinn (und für gefährlichen dazu) halten. Aber das bedeutet nicht, dass das, was wir heute als Wahrheit hätscheln, für immer so bleibt.
Aber das heißt auch nicht, dass wir notwendig vor die Hunde gehen. Es kann auch das wahr werden, was den meisten nützt. Das ist zwar utilitaristisch und anglophon – das kann uns aber auch vor Schlimmerem bewahren. Bis dahin können wir uns ja einfach weiter darüber streiten, was Wahrheit denn nun ist. Denn, ehrlich gesagt, hat dieser Artikel wirklich geholfen?