Nur was schaltbar ist, ist überhaupt.

Es ist ein vielleicht sogar legendärer Satz des Mediengenealogen Friedrich Kittler, was hier als Überschrift und Titel fungiert. Aber was bedeutet dieser Satz? – Und bedeutet er?

Hat sich Friedrich Kittler je wirklich mit Bedeutung auseinandergesetzt? Naja, was heißt wirklich? Kittler hat sich mit Folgen beschäftigt, etwa mit der, dass das Radio zunächst für die Koordinierung der Panzertruppe erschaffen wurde und nur durch Zufall (weil das eben auch ging) zum Unterhaltungsmedium wurde. In diesem Zusammenhang interessant ist, wie das Koordinierungsmedium im Volksempfänger zum Konditionierungsmedium wurde, von dem sich vielleicht noch heute, in meiner ganz persönlichen Nutzung des DLFs als meinem Lieblingssender, ein gutes Stücklein findet.

Aber Bedeutung? Ist Bedeutung nicht irgendwie ein Missverständnis? Ein Anthropomorphismus? Vielleicht ein Werkzeug? Eine Diskurstechnik? Sicher ist Bedeutung eines nicht: Kittlers Hauptthema. Aber, und hier kommen wir wieder zum Eingang, Bedeutung ist schaltbar.

Was ist eine Schaltung?

Mit der Frage geht’s nämlich los, was ist das überhaupt: die Schaltung? Der Frage kann man sich, denke ich, von zwei Seiten nähern.

  1. Eine Schaltung ist ein mehr oder weniger geschlossenes System, in dem etwas passiert. Das kann beispielsweise das Fließen von Strom sein. Das kann aber auch das Umlaufen von Geld sein. Die Wirtschaft lässt sich als Schaltung oder eben als System begreifen, als ein Zusammenhang, in dem etwas zirkuliert.
  2. Eine Schaltung ist auch eine Vorrichtung, die es ermöglicht zwischen diskreten Zuständen zu wechseln. Das gilt für die Gangschaltung meines Fahrrads, das gilt aber auch für meinen Lichtschalter, der mich simpelbinär zwischen An und Aus wechseln lässt.

Zu 1. Es gibt eine Anekdote, die Kittler über sich und Niklas Luhmann erzählt hat. Kittler unterscheidet darin soziale Systeme, die notfalls ohne In- und Output auskommen, also absolut selbstreferenziell und autopioetisch funktionieren könnten, von elektrischen bzw. elektronischen Schaltungen, die das eben nicht könnten. Ob der Hinweis wirklich treffend ist, darf allerdings bezweifelt werden, da selbst soziale Systeme sich von ihrer System-Umwelt-Differenz her ergeben. Ein komplett geschlossenes System dürfte es nicht geben, das heißt, es kann kein System geben, das nicht irgendwo irgendwie irgendwann mit seiner Umwelt interagiert. Die Wirtschaft (um obiges Beispiel nochmal aufzunehmen) braucht schließlich Arbeitskräfte, Rohstoffe etc.

Man kann also sagen, dass Schaltungen auch soziale, auch psychische Systeme sein können bzw. mit diesen strukturanalog sind. Was immer das heißen mag.

Das, was schaltbar ist, ist in einem System. Es ist verstrickt, es ist Element, das von Input und Output gekennzeichnet ist. Wie das System als ganzes. Es gibt nur eine Sache, die nur, die ausschließlich Output produziert und die nennt Aristoteles den unbewegten Beweger, das Mittelalter sagt dazu Gott und wir sagen dazu Urknall. Oder Gott. Oder unbewegter Beweger. Das ist herzlich egal, wichtig ist aber, dass man kaum sagen kann, dass Gott oder der Urknall existiert, also ist – wenigstens nicht in der Weise, wie ich bin oder du bist. Das liegt vielleicht daran, dass Gott nicht schaltbar ist. Gott ist nicht Teil einer Schaltung, er ist die Ursache der Schaltung oder er ist die Gesamtheit aller Schaltungen, er ist nicht Teil davon.

Was ist?

Nur was schaltbar ist, ist überhaupt. Also nur, was verstrickt ist, was im System ist, ist überhaupt.

Aber warum ist der 2. Punkt überhaupt wichtig (und vielleicht gibt es hier Techniker:innen, die mir auch stark widersprechen würden: Kommis!)?

Nur was diskrete Zustände kennt, kann einen Unterschied machen. Eine Schaltung würde zirkulär (zirku-leer), wenn immer nur die gleiche Information (die dann freilich keine Information mehr wäre) in ihr umlaufen würde. Das System bekommt als ganzes einen Input, der im System verändert wird. Vielleicht ist er als Output sogar identisch mit dem Input – das mag vorkommen, wird aber kaum die Regel sein. Im System aber muss die Information (auch um Information zu bleiben, also um einen Unterschied zu machen, wie Bateson die Information auffasst) Veränderungen unterworfen sein. Mit anderen Worten: Sie muss diskrete Zustände durchlaufen.

Und warum? Weil sie ansonsten nicht ist, denn was ist überhaupt? Was schaltbar ist, klar. Aber sonst? Das, was anders ist als sein anderes, ist. Das bedeutet, nur dadurch, dass Veränderung in der Welt ist, ist überhaupt etwas. Nur dadurch, dass diskrete Zustände diskret sind, ist etwas. Und das bedeutet, dass diese potenziell in anderen Zuständen existierenden Entitäten sich miteinander in einem Verstrickungszusammenhang befinden, es also eine Struktur gibt, auf deren Grundlage sie voneinander verschieden sind.

Und was heißt das? Das heißt, glaube ich, dass nur das existiert, das anders ist, aber gleichzeitig auf dem Boden des Allgemeinen steht.

Und das heißt? Keine Ahnung. Wahrscheinlich, womöglich, kann sein: Glaube an dich selbst, denn du bist wunderbar so, wie du bist. Oder so ähnlich.

Vor allem aber heißt das, dass das, was wir alle so jeweils Bedeutung nennen, genauso relativ, genauso für-ein-anderes ist, wie die Existenz in einem System. Bedeutung ist das, was einer draus macht. Das ist vielleicht nicht so zu verstehen, dass Bedeutung vollends zurechtmanipuliert wurde und wird, aber doch, genau so ist es zu verstehen. Bedeutung ist ein Schalter, den man umlegt und dann abliest. Bedeutung ist, was vorher schon da war. Bedeutung ist Bedeutung ist Bedeutung.

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