Vom Körper zum Leib und wieder zurück in drei Abschnitten

Der Körper als Diskursprodukt

Der Körper ist wesentlich Schrift. Körper sind wesentlich Schrift. – Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?

Wir alle haben (oder sind, je nach Betrachtungslage:) Körper und zumeist ist diese Beziehung nicht weiter von Gewicht. Wir handeln als und mit Körper, problematisieren das aber gar nicht. Was gut ist, weil es funktional ist. Gleichzeitig sorgt das aber dafür, dass unser Körper uns enteilt oder vielmehr weggenommen wird.

Unsere Körper gehören uns nicht. Noch nicht?

Unserem Körper ist etwas eingeschrieben worden, Stigmata wurden und werden ihm aufgeprägt. In diesem Sinne ist unser Körper ein verfasster, be- und geschriebener, ist er eine aktualisierte Schrift, ein Urteil. Egal, wie sehr wir versuchen uns dagegen zu wehren (und es ist gut, dass wir uns dagegen wehren) unser Körper ist (und hat nicht nur:) eine Aussage.

Ein Beispiel: Jemand (Mann, Frau, Nichtbinär, ganz egal) ist offensichtlich sportlich, ist das, was man gepflegt nennt, ist scheinbar voll angekommen im eigenen Körper. Solange nun die Muskeln nicht zu groß und zu definiert sind, die Taille nicht zu schmal, der Hals nicht zu lang ist, fällt dieser Mensch nicht weiter auf, sondern entspricht einem Imperativ: Du sollst dich um deinen Körper kümmern, sollt ihn pflegen.

Körper hingegen, die durch ihr Volumen, ihre Form oder aber ihren Geruch von dieser Norm abweichen, die gar nicht so ungeschrieben, aber umschrieben ist, fallen auf und fallen vor allen Dingen raus. Solche Körper gelten als nicht schön, als nicht-schön, als unschön.

Letzten Endes ist es ein ziemlich enger Raum, der das abdeckt, was schön ist. Aber das, was schön ist, ist nicht einfach nur eine Augenweide. Tatsächlich neigen wir dazu, das, was schön ist, gleichzusetzen mit dem, was gut und sogar dem, was wahr ist.

Schön und Gut und Wahr. Vor allem das letzte Kriterium ist hier wichtig (übrigens ein sprachliches Kriterium, da nur Sätze wahr oder falsch sein können, keine Sachverhalte oder Tatsachen).

Ist in einer Gesellschaft, die beispielsweise Dicksein als häßlich begreift, jemand der dick ist also falsch?

Nun ja, natürlich ist er es nicht, aber er wird so behandelt und wird so dazu gemacht. Geht mal mit einem Kissen unter dem T-Shirt einkaufen und ihr werdet erleben, was Fatshaming am konkreten Objekt bedeutet. Die Blicke der Anderen werdet ihr spüren und zwar schmerzhaft. Im günstigsten Fall sagen diese Blicke: Du bist hier falsch. Meist gemeint sein wird: Du bist falsch.

Das gilt selbstverständlich genauso oder sogar erst Recht für Menschen, die nicht dem heterosexuellen Imperativ entsprechen. Die Philosophin Judith Butler hat herausgearbeitet, dass alle, die dem herrschenden Imperativ nicht entsprechen, grundsätzlich falsch und im Unrecht sind, also kein Recht, keine Rechte haben, das heißt: keine Subjekte, sondern Abjekte (Verworfene) sind.

Der Prozeß, in dem eine körperliche Norm angenommen, angeeignet oder aufgenommen wird(…) als etwas, was im strengen Sinne nicht von einem Subjekt durchgemacht wird, sondern als etwas, durch das das Subjekt, das sprechende „Ich“, gebildet wird, nämlich dadurch, daß ein solcher Prozeß der Annahme eines Geschlechts durchlaufen worden ist. (…) Dieser Prozeß der „Annahme“ eines Geschlechts wird mit der Frage nach der Identifizierung und den diskursiven Mitteln verbunden, durch die der heterosexuelle Imperativ bestimmte sexuierte Identifizierungen ermöglicht und andere Identifizierungen verwirft und/oder leugnet. Diese Matrix mit Ausschlußcharakter, durch die Subjekte gebildet werden, verlangt somit gleichzeitig, einen Bereich verworfener Wesen hervorzubringen, die noch nicht „Subjekte“ sind, sondern das konstitutive Außen zum Bereich des Subjekts abgeben. Das Verworfene (the abject) bezeichnet hier genau jene „nicht lebbaren“ und „unbewohnbaren“ Zonen des sozialen Lebens, die dennoch dicht bevölkert sind von denjenigen, die nicht den Status des Subjekts genießen, deren Leben im Zeichen des „Nicht-Lebbaren“ jedoch benötigt wird, um den Bereich des Subjekts einzugrenzen. (…) In diesem Sinne ist also das Subjekt durch die Kraft des Ausschlusses und Verwerflichmachens konstituiert, durch etwas, was dem Subjekt ein konstitutives Außen verschafft, ein verwerfliches Außen.

Judith Butler, Körper von Gewicht. Suhrkamp: 2021. S.23

Unsere Körper sind Figuren im Spiel gesellschaftlicher Macht. Auf diese Figuren wird aber nicht einfach nur Macht ausgeübt, vielmehr üben sie selbst Macht aus. Durch unsere eigenen Körper, ob wir es wollen oder nicht, durch unsere konkreten Körperformen und -arten halten wir alle, seien wir nun Sub- oder Abjekt, den Laden am Laufen.

Man muss kein Bodyshaming betreiben um Mitmenschen auszugrenzen, das geschieht von ganz allein. Man muss nur sein und befindet sich schon auf einer Seite der Spielfeldlinie. Aber diese Verortung entscheidet darüber, ob man Teil des Spiel ist (Subjekt) oder eben nicht (Abjekt). Aber wir kommt das?

Der Körper wurde zum Feld, auf dem Individuum und Gesellschaft/Macht ihre Schlachten um Autonomie ausfechten. Wer ist autonom: das Individuum oder die Macht? Das ist nicht leicht zu beantworten, vielleicht ist es sogar gar nicht zu beantworten.

Historisch, so jedenfalls dachte Foucault, hat dieser Prozess im 18. Jahrhundert mit der „Erfindung des Körpers“ begonnen. Die Macht, die Gesellschaft hat den Körper von dieser Zeit an nicht mehr einfach zerstört, wenn sie strafen wollte, wie es in Mittelalter und Antike noch der naive Fall gewesen war, sondern begann damit, den Körper umzuformen.

Gefangene wurden von da an nicht mehr im Kerker sich selbst und den Ratten überlassen, sondern zur Arbeit angehalten. Arbeit, so schon damals die Devise, macht frei! Was wahr und falsch zugleich ist. Arbeit dient, noch in unseren Justizvollzugsanstalten, der Rehabilitierung.

Der Zugriff auf den Körper ist aber nicht nur (re-aktiv) dem Gefängnis vorbehalten. Kasernen, Schulen, Kranken- und Irrenhäuser, diese Institutionen wirken teilweise sogar pro-aktiv auf den Körper mit der Absicht ein, ihn zu einem produktiven Körper des Gesellschaftskörpers zu machen. Diese „Körpertechnologien“ haben das Ziel „Lebenszeit in Arbeitszeit (…), Körperkraft in Arbeitskraft (zu überführen)“ (Foucault-Lexikon. 4. Auflage. UTB. S. 162). Genau daraus aber erwuchs eine Situation, die man die Leibwerdung des Körpers nennen könnte.

Die Beherrschung des eigenen Körpers und das Bewusstsein von diesem konnten nur als Effekt der Besetzung des Körpers durch die Macht erworben werden: die Gymnastik, die Übungen, der Muskelaufbau, die Nacktheit und das Schwärmen vom schönen Körper… das alles liegt auf der Linie, die durch eine beharrliche, hartnäckige und gewissenhafte Arbeit, die die Macht am Körper der Kinder und der Soldaten und am Körper in guter gesundheitlicher Verfassung vollzog, zum Begehren des eigenen Körpers führt. Doch sowie die Macht diese Wirkung hervorgerufen hat, tauchen genau auf der Linie eben dieser Errungenschaften unweigerlich der Anspruch auf den eigenen Körper gegenüber der Macht, die Gesundheit gegenüber der Ökonomie und die Lust gegenüber der sittlichen Normen der Sexualität, der Ehe und der Schamhaftigkeit auf. Und infolgedessen wird das, wodurch die Macht stark war, zu dem, wodurch sie angegriffen wird… Die Macht hat sich in den Körper vorgeschoben, sie erfährt sich nun im Körper selbst ausgesetzt.

Michel Foucault: Macht und Körper. In: Analytik der Macht. Suhrkamp: 2017. S. 75

Der Körper als Leib

Anfang des 20. Jahrhunderts machen zwei Männer von sich reden, die noch heute einschlägig bekannt sind: der Ostpreuße Eugen Sandow und der Däne Jørgen Peter Müller. Sandow kann mit Fug und Recht als Vater des Bodybuildings bezeichnet werden. Er machte sich einen Namen mit geradezu klassischen Kraft-Shows, bei denen er beispielsweise Pferde hochstemmte. Der Name, den er sich machte, das kann durchaus doppeldeutig verstanden werden. Geboren als ein prosaischer Friedrich Wilhelm Müller, legte er diesen Name zugunsten des europaweit besser aussprechbaren Eugen Sandow ab.

Sandows Körperkultur kann als typische Form des Körper-Habens beschrieben werden. Der Körper ist das Verfügbare, an dem Bau, auch Raubbau vorgenommen werden kann. Eine gewisse Verdinglichung kann hier wohl attestiert werden.

Jørgen Peter Müller hingegen ist ein Vetreter des Körper-Seins. Seine Bücher erreichten verblüffend hohe Auflagen und wurden auch von Franz Kafka gelesen, der „spätestens 1910 (…) mit täglichen Turn- und Atemübungen nach der Methode des dänischen Sportlers“ begann (Reiner Stach: Ist das Kafka? Fischer: 2013. S.32) Dieser Müller war der Antipode des erstgenannten und setzte auf eine richtiggehende Körperkultur, deren Ziel ein besseres Leben sein sollte.

Was hat es also mit dieser Grundsatzfrage: Körper-Haben oder Körper-Sein auf sich? Bei Nietzsche heißt es:

Hinter deinen Gedanken und Gefühlen, mein Bruder, steht ein mächtiger Gebieter, ein unbekannter Weiser – der heisst Selbst. In deinem Leine wohnt er, dein Leib ist er.

Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Reclam: 2014. S.33

Der Leib ist demnach der Körper, der man ist (oder von dem man geworden wird). Auf der anderen Seite ist der Körper, den man hat, bloß Körper. Nur auf diesen letzteren, so könnte man meinen, kann Gesellschaft einwirken. Nur leider ist es nicht so einfach, da das Ziel der Gesellschaft/Macht gar nicht der Körper, sondern das mit dem Leib identische Individuum ist. Gesellschaft wirkt sich also auf den Leib aus, indem sie auf den Körper einwirkt.

Foucault: „Der Körper fungiert hier als als Instrument oder Vermittler: durch Einsperrung oder Zwangsarbeit greift man in ihn ein um das Individuum seiner Freiheit zu berauben.“ (Michel Foucault: Überwachen und Strafen. In: Ders.: Die Hauptwerke. Suhrkamp: 2008. S. 713)

Der Clou bei Foucault ist nun aber der folgende: Der Zugriff auf das Individuum, auf das Proto-Subjekt, erschafft das Subjekt überhaupt erst. Der Leib ist also eine Konstruktion der Macht und nicht etwa, wie die Kollgen aus der Esoterik meinen, ein Ausweg aus ihr. Es gibt kein authentisches Leiberleben, keinen „leibenden Leib“, wie Heidegger das wohl nennt, sondern lediglich den diskursiv erschaffenen und dementsprechend verfassten, den geschriebenen Körper.

Der Körper als Vehikel ins Morgen

Aber bedeutet das, dass wir der Macht ganz und gar ausgeliefert, bloße Formen wären, die von außen erst mit Inhalt gefüllt werden?

Nein. Denn es ist zwar so, dass unser Körpererleben kein authentisches im vollumfänglichen Sinne ist. Wir wissen nicht, wo die Macht aufhört und wir anfangen. Dennoch: wir können (und jetzt wird es schon ein wenig platt, so einfach scheint es) durch die Sorge, die wir unserem je eigenen Körper angedeihen lassen, ein besseres Leben führen.

Dazu gehört aber notwendig, das wir nicht in den Fehler verfallen, uns blind mit uns selbst zu identifizieren. Wir, als Ich, also nicht als jenes Selbst, welches Nietzsche mit dem Leib identifiziert hat, wir sind ein Produkt des Diskurses. Wir sind (in diesem Sinne wenigstens:) nicht. Dennoch haben wir (zum Beispiel:) Körper. Wir haben einen Körper, den wir ins Spiel der Zeichen einbringen können.

Körper sind, das hat Foucault weiter oben ja schon festgestellt, nicht unidirektional nur Spielball von Macht, sondern das Feld, auf dem wir alle je einzeln gegen Macht kämpfen.

Die Konstruktion der Abjekte, also die Stigmatisierung der Andersförmigen, ist nur eine Wirkung dieser auf uns einwirkenden Macht und es ist eine verzweifelte Macht, die sich da zeigt, die aber in Zukunft noch schriller, lauter, heftiger werden wird, da immer mehr Menschen sich nicht mehr dem Imperativ des „Normalen“, also des „sportlichen, jungen, binären, weißen Körpers“ fügen wollen.

Genau hier hat der Körper ein ungeheures Widerstandspotenzial. Hier ist der Ort, das Feld, auf dem sich entscheidet, wem unsere Körper jeweils gehören.

Sind wir Körper? Nun, uns werden Körper zu- und eingeschrieben.

Haben wir Körper? Viele von uns haben ihn schon – doch sie nahmen in sich. Viele kämpfen noch. Andere haben den kampf noch nicht aufgenommen. Einige haben ihn schon verloren.

In diesem Kampf aber ist es weniger der Cisgender-Krieger, der in vorderster Front an der Befreiung arbeitet – obwohl nichts dagegen spricht, dass er es könnte.

Worin aber bestünde diese Befreiung?

Sie besteht voll und jedes Mal in dem Moment, in dem ein Mensch ohne Zweifel, ohne Widerwort, ohne Irrtum sagen kann: Mein Körper gehört mir. Dorthin müssen wir.

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