Des Sommers letzte Rosen

Heute war, zumindest im schönen Rheinland, der erste richtige Herbsttag 2021. Man kann sagen: Jetzt beginnt der Herbst – endlich! Es wird dunkel, nass, ein bißchen kalt, wir entäußern uns nicht mehr, wir verinnerlichen. Der Herbst ist die Zeit der Literatur, die Zeit der Lyrik.

Ich habe zwar keine Belege – brauch‘ ich aber auch nicht, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Frühlingsgedichte im Herbst geschrieben werden und wurden. Denn, mal ehrlich, wer schreibt im Frühling schon Gedichte? Im Frühling lebt man! Jetzt, wo’s Herbst hat, dichtet man, nichtet schreibend.

Ich will und werde euch nicht mit eignen Gedichten langenweilen/verstören – dieser Blog ist auch so nicht zu arm an cringy moments. Weil aber Herbst und Lyrik so tolle Partner, so tolle Koinzidenzen sind, befasst sich dieser Artikel mit Poesie. Das heißt: eigentlich ist er nur die Einleitung zur eigentlichen Arbeit an der Poesie, tarnt sich aber als Rezension eines fürchterlichen, wirklich abartigen Buches:

„Des Sommers letzte Rosen. Die 100 beliebtesten deutsche Gedichte.“

Zu meiner Ehrenverteidigung: Das Buch stammt aus einem Bücherschrank in Sachsen-Anhalt, in dem es auch wieder verschwunden ist (glaube ich). Ich habe dafür, für die „100 beliebtesten Gedichte“ gottseidank und selbstverständlich kein Geld ausgegeben. Ist das so selbstverständlich? Ja, denn wenn irgendwo in Bottrop auf einem Schild neben einem Mülleimer stünde: Schmeiß hier dein Geld rein – dann würdest du es auch selbstverständlich nicht tun.

Das Buch ist so ziemlich der Mülleimer, in den allerdings durchaus tolle Dinger geschmissen worden sind, wie das Mülleimer im Spätkapitalismus so an sich haben. Das Schild neben dem Mülleimer ist der Titel: er ist als Warnung zu verstehen. Und ich bin reingefallen – soviel zu meiner Ehre, die ich natürlich nicht mehr retten kann. Schade. Aber egal. Ich komme zur Sache. Die schändlich ist.

Als Herausgeber fungiert der Besitzer der hochberühmten Leine-Deister-Zeitung (die kennt ihr nicht? Fehler, menschlicher Fehler!), der übrigens auch der 218. reichste Mensch der Berliner Republik ist und dessen Name mir irgendwo zwischen Ehrfurcht und Desinteresse entfiel. Selbstverständlich hatte er Hilfe bei seiner Herausgebertätigkeit und zwar von Philipp Laubach-Kiani. Erschienen ist diese Unnötigkeit in Hardcover erschreckenderweise bei C.H.Beck.

Zur Auswahl. Es kam nicht so sehr auf Sachverstand an – man kann angesichts der Expertise der beiden Herausgeber wohl sagen: glücklicherweise. Durchforstet wurde die 50 auflagenstärksten deutschen Lyrikanthologien des 20. Jahrhunderts, solche „die lediglich zwischen 1933 und 1945 hohe Auflagenzahlen verzeichnen konnten, wurden bei der Auswertung (…) nicht berücksichtigt.“ (S. 187)

Aus diesen 50 Anthologien wurde (man könnte das Verfahren demokratisch nennen, „objektiv“ nennen’s die Herausgeber, einfallslos wäre auch passend) das Häufigste genommen, was sich so fand: Erlkönig, Herbsttag, Sachliche Romanze…

Getz ma Butter bei die Fische: Wat is los mit dir?

Ja, wat is eigentlich los mit mir? Warum benutze ich diesen Band, wenn ich nur an ihm rummäkel? Gute Frage – hängt vielleicht mit dem beginnenden Herbst zusammen. Oder damit, dass Lyriker:innen von heute vollzeit bei Amazon arbeiten müssen, während die Haute-Volée eines (vielleicht gar nicht mal so unverdient) sterbenden Sektors ohne wirkliche Arbeit zu leisten irgendeine Scheiße herausgibt, die man sich zu weit über 90% auf Gutenberg oder Zeno zusammenlesen kann. Diese Scheiße erreicht dann aber bis 2017 tatsächlich zehn Auflagen und macht den ohnehin 218. reichsten Mann dieses Landes noch ein bißchen reicher. Ich meine, klar, das ist schon Sozialneid, der hier aus mir spricht: aber ist das nicht extrem unanständig?

Naja, jedenfalls arbeite ich nicht bei Amazon und weiß auch nicht, ob da wirklich irgendwelche Lyriker:innen arbeiten. Die Herausgeber jedenfalls haben nicht gearbeitet, zumindest nicht mehr als ich es jetzt gerade an diesem Blogeintrag tue. Tja, Augen auf bei der Elternwahl.

Aber den Frust lassen wir jetzt schnell wieder fahren, schließlich ist draußen Herbst. Es regnet so schön und die Luft wird lauschig kalt und keiner schaut einem mehr in die Augen, weil niemand mehr Bock auf irgendwas hat und das macht mir so richtig Bock und ich wähle aus den 100 hier 3 aus und interpretieren sie. Warum? Weil ich finde, 10 wären zuviel und 3 ist ’ne schöne Zahl, passt aber leider nicht in die 100. Daher: 3.

Selbstverständlich sind es grauenhafte Mainstreamgedichte. Aber das liegt gar nicht mal so an den beiden Herausgebern, denn ich wähle aus dem Mainstream den Mainstream aus. Echte Lyrikfans können also entweder direkt aufhören zu lesen (wenn sie überhaupt je damit angefangen haben sollten) oder, was ich persönlich viel besser fände, mir erboste Kommentare dalassen. Gern nehme ich aus versnobte bis verschniefte, auf jeden Fall solche, die mir in aller Deutlichkeit sagen, was für ein erbärmlicher, kleinlicher, impotenter Banause ich doch BIN – und nicht etwa sei! Indikativ, Du Fickschnitzel. Beschimpft mich – ich brauch das!

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