Und ein letztes, aber allerletztes Mal beschäftigt sich dieser Blog mit dem gloriosen Christian Lindner, CL911 – zumindest ein letztes mal vor der Bundestagswahl 2021.
CL911 ist an dem Punkt, an dem er weiß: Wie es ist, darf es nicht bleiben! Da ist es gut, dass wir Jünger des fluiden Paradigmas der Intertextualität sind; nichts bleibt, wie es ist, alles ist im Fluss, ein konkreter Text (und was ist schon konkret?) ist immer nur Signifikant eines anderen Textes.
Texte haben keinen festen Sinn, sondern legen vielmehr eine Spur, die auf Sinn verweist, der jedoch selbst wieder alles andere eher als fest ist.
Zur Frage, was Sinn und was Bedeutung sei: Da müssen se’n Frege fragen, nich‘ mir. Aber doch soviel: Bedeutung im Sinne von Signifikat gibt es nicht, Sinn im Sinne von „ich meine, dass…“ ist das einzige, das Halt gibt in dieser kalten, staubigen Welt.
Also: warum ist gut, dass wir Intertexttualität auf den Fahnen stehen haben? Weil dadurch erstens nichts so bleibt, wie es ist und zweitens nichts so ist, wie es bleibt. Was bleibt? Nichts richtig? Nichts. Richtig.
In früheren Beitragen wurde CL911s Text mit
in Beziehung gesetzt.
Heuer sind die horizontalen Nachbarn dran. Zunächst zitiere ich A:
Du hast, soweit diese Möglichkeit überhaupt besteht, die Möglichkeit einen Anfang zu machen. Verschwende sie nicht. Du wirst den Schmutz, der aus dir aufschwemmt, nicht vermeiden können, wenn du eindringen willst. Wälze dich aber nicht darin. Ist die Lungenwunde nur ein Sinnbild wie du behauptest, Sinnbild der Wunde, deren Entzündung F. und deren Tiefe Rechtfertigung heißt, ist dies so, dann sind auch die ärztlichen Ratschläge (Licht, Luft, Sonne, Ruhe) Sinnbild. Fasse dieses Sinnbild an.
Franz KAFKA, aus den Tagebüchern
Interessant ist, wie hier der Lindnertext gewissermaßen vorgebildet daliegt. Der erste Satz von Kafka kann mit diesem „Irgendwann kommt der Punkt blabla“ parallelgelesen werden. Nur, natürlich ist es bei F. K. aus P. viel schicker als bei C. L. aus D. – „Du hast, soweit diese Möglichkeit überhaupt besteht, die Möglichkeit…“ Dass die Möglichkeit schon angezweifelt wird, bevor sie überhaupt als Möglichkeit genannt wird, dass sie als bereits bezweifelte, fast schon verneinte, eingeführt wird, dass sie aber gleichzeitig genannt wird bevor sie eigentlich genannt wird – das ist nicht nur literarisch bis in die schwarzkopfschen Spitzen, sondern auch der Nullpunkt, von dem aus sich A und Lindnertext entwickeln.
Und tatsächlich tun sie das beide – auf ihre je eigene Weise, wobei sie aber beide in eine Art Call-to-action münden. Der eine sagt Gehen wir hin, der andere sagt Fasse dies Sinnbild an.
Andere Frage: ist es eigentlich fies einen Trabant mit einem S500 zu vergleichen? Oder bloß langweilig? Oder vielleicht doch erhellend? – Und wieso schafft es der Trabant immer wieder in unser Herz, obwohl er nicht mehr gebaut wird, nur aus Papier besteht und aus dem Osten kommt? Der behäbige Schwabe ist keine Konkurrenz für den ironischen Eisenacher. So wie CL911 keine Konkurrenz für F.K. ist – ich seh's ein. Aber irgendwie müssen wir es doch zu einem Ende bringen. Mag es also fies sein, mag es dem Trabantenfranz zu leicht gemacht werden – wir werden schon noch richtige Konkurrenz auffahren. Nur nicht vor der Bundestagswahl.
Verschwende die Möglichkeit, die du eventuell gar nicht hast, nicht – davon emanzipiert sich der Lindnertext freilich. Aber sicherlich nicht, weil er sich inhaltlich damit auseinandersetzen würde. Da befindet sich eine bemerkenswerte Leerstelle, die ich mit Gregor Samsa gefüllt habe, aber Gregor Lindner/Christian Samsa wirklich der Grund ist, von dem her Text-Lindner sich aufrafft, mehr zu tun als sein dämliches Bücherregal abzustauben – das ist die Frage.
Der Vergleich zwischen A und Lindnertext könnte nämlich genauso gut zu der Überzeugung führen, dass uns im Lindnertext eine typische Verdrängungsleistung vorgeführt wird (was Gregor Samsa aber nicht automatisch ausschlösse).
Was ist der Mensch? Eine einfache Frage: ein Wort mit 5 Buchstaben. Oder auch: ein Begriff mit In- und Extension (was Begriffe nunmal so an sich haben). Die Extension ist recht einfach (außer für Faschisten, aber da Faschismus eine besondere Form der Debilität ist, überrascht das nicht), die Intension hingegen ist stark oder auch heftig oder sogar unversöhnlich umstritten. Hannah Arendt zum Beispiel würde den Menschen als Wesen, das handelt, begreifen. Wenn ich es richtig verstanden habe, gilt das auch für Heidegger. Es gilt, wenngleich besonders gewendet, für ebenfalls Camus und es gilt ferner, wenngleich hier eher Reden/Sprechen als Handeln gefragt ist, für Derrida.
Der Mensch ist nicht faul. Wenn er faul ist, ist er beschädigt. Genau das scheint der Lindnertext sogar zuzugeben, denn Text-CL911 macht ja nicht nichts wie Gregor, der alte Mistkäfer, CL911 führt Ersatzhandlungen aus, er macht etwas, selbst wenn er eigentlich nichts macht. CL911 will um Gottes Willen nicht faul sein, lieber will er irrational sein, nur eines nicht, nur eines um seines Seelenheiles willen nicht: Vater, lass diesen Kelch an ihm vorübergeh’n, mache mich nicht faul, schicke mir lieber Hautschuppen auf Buchrücken, mache mich zu Tanatalus, scheißegal, nur lass mich. Nie. Wieder. Nichts. Tun. So bettelt CL911 in seinem Text. Und macht stattdessen etwas, das nichts ist.
Aber was macht er, wenn er es macht indem er nichts macht?
Er verdeckt etwas. Er verdeckt das, was bei KAFKA die Wunde ist, deren Tiefe Rechtfertigung heißt.
Kafkas Wunde ist die Wunde, an der auch CL911 laboriert, aber Tiefe und Entzündung unterscheiden sich – wenigstens dem Namen nach. Wobei: Rechtfertigung könnte durchaus auch auf CL911 zutreffen, allerdings wird es nicht nur gesagt, nur die Leere spricht. CL911 ist auffallend schweigsam, was den Übergang vom „Wissen: so wie es ist usw. usw.“ zum Handeln oder wenigstens zum Aufruf, dem sprachlichen Akt „Gehen wir hin“ betrifft. Wo und wie macht er den Schritt über den Abgrund des Schweigens?
Das heißt, findet der Übergang überhaupt statt? Ich habe vom sprachlichen Akt gesprochen, aber ist ein sprachlicher Akt einer wirklichen Handlung gleichrangig? Wo ist der Übergang von performativer Rede zur Handlung? Was ist Performanz – das Missing Link? Zurück zu Christian Lindner: geht CL911 überhaupt hin?
Wir erfahren es nicht. Der Satz heißt ja nicht: „Wir gehen hin.“ Der Satz verbleibt (wenn man das so sehen möchte) im Imperativ. Ein Imperativ ist eine sprachliche Handlung und damit ist ein Imperativ mehr als ein bloßer Satz. Ein Imperativ ist ein Satz, der etwas bewirken will. Daher ist ein Imperativ, dem nichts folgt, weniger als ein bloßer Satz.
Auch Kafka hat am Ende einen Imperativ für uns und für sich. Es ist einer, der in allerschönster Manier undurchführbar ist. Dadurch entkommt dieser Imperativ dem Zwang, dass ihm Folge geleistet werden müsse. Wie ein Sinnbild anfassen? Ist der Imperativ hier nicht selbst Sinnbild? Und verweist das nicht wiederum auf den Imperativ von CL911 und verweist es ihn nicht auf seinen Platz, verurteilt ihn von vornherein zum Scheitern?
Vielleicht. Vielleicht nicht. Wobei: doch.
Aber (ein Schritt zurück) ist die Wunde, die Kafka benennt, genau das, was CL911 auslässt? Wer kann es wissen? Natürlich bennent auch KAFKA die Wunde nicht to the core. KAFKA wählt zwei (quasi-medizinische) Signifikanten: Tiefe und Entzündung und besetzt diese beiden mit weiteren Signifikanten: Rechtfertigung und F. (was wohl für Felice, wie in Felice Bauer, steht). Die Wunde selbst aber bleibt ungenannt. Das heißt, sie wird freilich Wunde genannt, aber auch das ist nur Signifikant – Sinnbild.
Letzten Endes muss ich sehen, dass beide Texte (naturgemäß) breite, gähnende Leerstellen haben, allerdings verweist KAFKA am Ende darauf, dass das Sinnbild/der Signifikant/die Wunde angefasst, also scholz’sch angepackt, angegriffen werden müsse! KAFKA will, wie wenig aussichtsreich es auch sein mag, das Problem selbst angehen, während CL911 ausweicht, vielleicht einen kühnen Sprung tut, vielleicht aber auch nur irgendwo hingeht, in irgendeine Zukuft, in irgendeine weitere Leere. Denn was ist Zukunft, wenn nicht Leere?
Und es mag sein, dass der Unterschied zwischen KAFKA und CL911 der zwischen Moderne und Postmoderne ist. So verzweifelt die Moderne an sich selbst, wühlt in den eigenen Eingeweiden, hoffend, dass man irgendwo noch gründen könne („Mensch, werde wesentlich“ – so Stadlers Spruch). Die Postmoderne hingegen, will „trotz allem Ja zum Leben sagen“, was bleibt ihr auch ürbig? Sie ist das barbarische Gedicht nach Auschwitz, oder, mit Eco: „Heute (…) ist es Trotz des homme de lettres (…) wieder schreiben zu dürfen aus reiner Liebe zum Schreiben.“ Unsere „Hoffnungen“, unsere „Gewißheiten“ schweigen, wo wir von Leutnant Lindner den Marschbefehl bekommen. „Ich kenne keine Parteien mehr.“ – „Nie gab es mehr zu tun.“ Irgendwo schließt das Andere ans Eine an.
Bleibt das so stehen?
Ist der Lindnertext das aktuellste, was wir haben? Kann sein, es gibt was aktuelleres, das viel älter ist. Hundert Jahre älter.
Dieses System des Teilbaues wurde auch im Kleinen innerhalb der zwei großen Arbeitsheere, des Ost- und des Westheeres, befolgt. Es geschah das so, daß Gruppen von etwa zwanzig Arbeitern gebildet wurden, welche eine Teilmauer von etwa fünfhundert Metern Länge aufzuführen hatten. Die Nachbargruppe baute ihnen dann eine Mauer von gleicher Länge entgegen. Nachdem dann aber die Vereinigung vollzogen war, wurde nicht etwa der Bau am Ende dieser tausend Meter wieder fortgesetzt, vielmehr wurden die Arbeitergruppen wieder in ganz andere Gegenden zum Mauerbau verschickt. Natürlich entstanden auf diese Weise viele große Lücken, die erst nach und nach langsam ausgefüllt wurden, manche sogar erst, nachdem der Mauerbau schon als vollendet verkündigt worden war. Ja, es soll Lücken geben, die überhaupt nicht verbaut worden sind, eine Behauptung allerdings, die möglicherweise zu den vielen Legenden gehört, die um den Bau entstanden sind und die für den einzelnen Menschen wenigstens, mit eigenen Augen und eigenem Maßstab infolge der Ausdehnung des Baus unnachprüfbar sind.
KAFKA, Beim Bau der chinesischen Mauer
Wie jeder Text, so läuft auch der Lindnertext auf etwas zu: er hat ein Ziel. Kann sein, er mäandert, verzwackt und verfährt sich, doch die Stoßrichtung ist da und die Bewegung, die vielleicht nur ein müdes Kullern ist.
Der Lindnertext betreibt den Aufbau einer Persona. Hier entsteht ein Lindner. Was für einer? Einer, der nicht gar so glatt, aber doch noch glatt ist, ein FDP-im-21.-Jahrhundert-glatt. Kein Möllemann, kein Westerwelle, schon auch ein bißchen Antihaftbeschichtung serienmäßig. CL911 soll uns nähergebracht werden, vielleicht sogar als Mensch, doch die (wie ich finde, ästhetisch gar nicht mal so schrecklich versaute) Linie, die die Plakate, den Internetauftritt und faktische Auftritte durchzieht, ist dafür verantwortlich, dass uns eben nicht Herr Christian Lindner, Jugendwortursprung, Düsseldorfer, Trophy-Husband oder so entgegenkommt, sondern der gute, alte Teflonchristian: CL911, eine Marke – die keine Marke, sondern eher die Auflösung einer Marke und erst darin eine Marke, eine Antimarke eben, ist.
Was aber auch drinsteckt: getreu der FDP-Linie nehmen wir selbst den Füllfederhalter in die Hand, aktivieren uns, bauen wir uns unserem Inhalt zu und das heißt bauen wir uns CL911 stracks zimmermännisch auf (während die Angedeutete in ihrem Revier, Düsseldorf, neben Christian I., dem Großsprechenden, ein sträfliches Nischendasein auf Plakatebene fristet – Sie sitzt im Zug nach Berlin, während Düsseldorf einig Christianstadt ward).
Fragen wir Franz K.: Der Bau der chinesischen Mauer ist doch das, worauf der Lindnertext hin ausläuft, oder? KAFKA’s Text erscheint gleichzeitig älter und aktueller. Das Ältere an oder in ihm liegt nicht nur in seinem Entstehungszeitpunkt (was trivial wäre), sondern auch in der Art und Weise seines Funktionierens. Der Text lässt sich Zeit, es sind lange Sätze, Sätze auch mit Einschränkungen, Abzweigungen – komplexe Sätze, die uns mitnehmen und vielleicht auch mal in die Irre führen.
Genau das ist aber auch der Grund für die Aktualität (also das Uns-Angehen) des Textes. Durch seine Anschlussfähigkeit, seine Offenheit, die sich in einer Unentschiedenheit aber auch in seiner Widersprüchlichkeit äußert, bleibt der Text jeweils aktuell, anschlussfähig eben. Es ist sogar, als wiese er über den Lindnertext hinaus, diesem als Ziel dienend. Deswegen ist Beim Bau der chinesischen Mauer auch rechter, horizontaler Nachbar. Hier spricht (es) die Persona CL911: Mandarin Lindner.
Quo vadis CL911?
Der Lindnertext gerinnt zur Deklamation, wir werden beschworen, in die Zukunft zu gehen, zur Zukunft zu gehen, hin zu gehen, zu gehen… Klar, ein rhetorisches Mittel, von irgendwem bei Scholz und Friends oder so erdacht und für gut befunden. Der Text von KAFKA ist darüber hinaus, er braucht kein Schmuck mehr, ist schon selbst Schmuck, ist schon längst gegangen und befindet sich nun innerhalb des weitesten aller Horizonte. Von dort, jenseits aller Hoffnungen und Glaubenssätze, schaut er (blinzelnd?) zurück und herab auf das juvenile, infantile (oder doch nur verlogene?) Stürmen und Drängen des Lindnertextes.
Beim Bau der chinesischen Mauer weiß, was Zukunft ist: Der leere Ort, an dem er stattfindet – vor allem aber eine Worthülse, ein Unbegriff. Wenn Zukunft ist, dann ist sie nicht morgen, sondern gestern, von heut‘ aus gesehen (sowie Vergangenheit heute, von gestern aus gesehen ist).
Lindners Futurismus ist Unsinn. Auch, so erklärt der Bau der chinesischen Mauer, weil AufBau immer im allgegenwärtigen AbBau geschieht. Was ist Bauen? Der Versuch, eine Linie ins oder durchs Chaos zu ziehen. Ein Bau ist von Entropie bedroht, er ist der (auch verzweifelte) Versuch, die Kategorie Kismet ins Faktum Kontingenz zu schlagen. Zum Scheitern verurteilt, über kurz oder lang.
Das schattet ab auf den Lindnertext, auf seine Schwäche, die entweder darin besteht, dass er das nicht zugeben kann, weil er es nicht weiß oder weil er es nicht will, weil er’s nicht darf.
Digitalisierung, Bildung, die Umweltkatastrophe: auf Biegen und Brechen will der Lindnertext den Eindruck vermitteln, er sei eine ordnende Instanz. Die scheinbare Stringenz der „Argumente“ soll zeigen, dass er sogar die ordnende Instanz sei, die die Ost- und Westheere ökonomisch und organisatorisch steuern könne. Aber so läuft es nicht. Die Systeme verstolpern, von irgendwo dringen Störungen ein, Selbsterhaltung zerbricht, Streuungen lenken Stoßrichtungen ab, der Lauf läuft nicht mehr, sondern gerät aus dem Tritt. Schuld daran? Die Bürokratie, fragmentierte Kompetenzen, Emergenz, Entropie, Chaos? Wer weiß. Geradlinigkeit aber ist Illusion – das hat die Pandemie gezeigt.
Beim Bau der chinesischen Mauer zeigt die Wirkungen einer ordnenden Hand, auf der Ebene der Diegesis ebenso wie auf der Seite der Narration. In der Erzählung ordnet eine Hand wild drauflos, genauso wie im Erzählen die Streung von Information wild ver-ordnet wird. Ordnen ist hier gleichbedeutend mit verwirrend, wie immer. Aber wer ist oder wem ist diese Hand? Nun, es ist keinesfalls die Smith’sche unsichtbare Hand, sie ist Extremität, ausführendes Organ eines Mandarins, eines hohen Beamten, eines Generalsekretärs.
Kann es sein, dass CL911 den Generalsekretär niemas so richtig hat ablegen können?
Und ist der Bau der chinesischen Mauer vielleicht ein zweifacher Bau im Kontext CL911. Der Bau seiner Persönlichkeit (der um seine Persönlichkeit) und der seiner Partei (der um seine Partei)?
Die FDP unter CL911 & Christian Lindner unter CL911 wirken so unangreifbar wie nie, aber auch so ungreifbar, nebensächlich, beliebig, so abgesichert und ziemlich hohl. Beide sind es nicht (vor allem die FDP, die durchaus ein beeindruckendes Personal auffahren könnte, ließe sie die Persona fahren), das ist schon klar, aber was sie sind, das sieht man eben auch nicht, weil es sich entzieht. Wer grün, rot, dunkelrot, blau oder sogar schwarz wählt, der weiß irgendwie, was er bekommt (und wenn es nichts ist) – bei der FDP ist das nicht der Fall. Das heißt: doch, natürlich: eine freie Marktwirtschaft, hier und da einen liberalen Akzent bestimmt, unterhaltsame Redner:innen, aber genau diese großen Aufgaben, die großen beschworenen Würfe, die gibt’s wenn überhaupt, dann bei der Konkurrenz.
Auf diese Art hat CL911 FDP & Christian Lindner wieder in den Bundestag gebracht, was eine Leistung ist, die keiner schmälern kann. CL911 ist eine politische Größe (was immer das ist), mittlerweile ist er sogar Kanzlermacher.
Aber dieser Kanzlermacher entsteht aus und führt zurück zum Kanzleimacher, zum Schreibtischtäter, dessen rhetorische Eleganz eigentlich nur im Dozieren besteht und verpufft angesichts des scharfsinnigen Mandarinentums, das er nie so recht abgelegt hat. Spricht CL911 wie eine Figur aus dem Prozeß? Aber sicher! CL911 ist und bleibt der Generalsekretär des ZK der FDP, in dessen GenschHaus noch Licht brennt. Er ist Klamm und der unermüdlich Akten wälzende Sordini, er ist der, der unablässig Bücherregale abstaubt und (wahrscheinlich/sicherlich/hoffentlich) ewig auf die kaiserliche Botschaft wartet.
CL911 – auch nur ein Signifikant. Aber was für einer!