Dieser Text ist eine Fortsetzung eines vergangenen Texts (und damit natürlich auch intertextuell). Wenn der erste dich interessiert, findest du ihn hier.
Dem Internet erzählen zu wollen, was Intertextualität ist, zeugt nicht von Kreativität. Oder Reflektion. Wenn es ein Medium gibt, das das Prinzip Intertextualität verinnerlicht hat, dann ist es genaus dieses. Das Internet ist ein eine ständige Transformation von Text, alles verweist auf anderes und eines und alles und selbst in die Tiefe verweist die Texttransformation, wo aus HTML Content wird.
Ist dieses Unternehmen hier fruchtlos? Vielleicht. Ist es furchtlos? Mit Sicherheit nicht. Ist es mehr als ein Spiel? Nein. Also spielen wir: Wo verlindnert der Habolz den Schabeck Zwo.
Heutiger Bezugstext ist der oben benachbarte:
Übrigens ist es mir noch nie gelungen ihn mit Augen zu sehen, er kann nicht herunterkommen, er ist zu sehr mit Arbeit überhäuft, sein Zimmer ist mir so geschildert worden, daß alle Wände mit Säulen von großen aufeinander gestapelten Aktenbündelnd verdeckt sind, es sind dies nur Akten, die Sordini gerade in Arbeit hat, und da immerfort den Bündeln Akten entnommen und eingefügt werden, und alles in großer Eile geschieht, stürzen diese Säulen immerfort zusammen und gerade dieses fortwährend kurz aufeinander folgende Krachen ist für Sordinis Arbeitszimmer bezeichnend geworden.
Franz Kafka, Das Schloß
Für die drei letzten Deutschen, die Christian Lindners legendären 97er TV-Auftritt noch nicht kennen: bitte. Klar ist, dass sich Jung-Christian nicht indentifizieren mag mit einem zwischen Aktenbergen geradezu untergehenden Beamten aus Franz Kafkas Romanwelten. Und doch steht das Bild, das aus dem Kafkatext entsteht, in einer engen Beziehung zu jenem Bild, mit dem Lindner im Bundestagswahlkampf präsentiert wird. Vielleicht ist es sogar so, dass das Bild Lindners mit dem Text Kafkas eine innigere Beziehung eingeht als Text und Text.
Aber steckt nicht schon der junge Christian Lindner in einer Beziehung zur Welt, die sich auch bei Sordini findet? Die Offensichtlichkeiten lassen wir mal weg – die haben wir alle hinter uns. Also zum jungen Christian…
Er sagt, während er in seiner Fake-Schülerschaft steht: „Wenn Schüler sehr aktiv sind, wenn sie leistungs-bereit sind, wenn sie sehr motiviert sind, wenn sie auch mal mit Krawatte in die Schule gehen müssen, dann hat das Auswirkungen auf ein pädagogisches Klima – meint man.“ Ein Satz, der diesen spezifischen Kafka-Drive hat, indem eine Proposition erst umständlich aufgebaut wird (immerhin 4x die Konjunktion wenn), bevor sie dann in Zweifel gezogen wird. Am Ende steht der Leser oder Zuschauer mit mehr Fragen da als zuvor.
Was war der Punkt? Was war die Frage, die diesen sehr langen Konditionalsatz eingeleitet hat? Und worauf läuft es hinaus?
Ist es vielleicht (auch das Kafka pur & Foucault) der Zwang, der sich in der Pflicht, Krawatte zu tragen, zeigt, der das pädagogische Klima verändert? Oder vielmehr nicht verändert, sondern nur verändern sollte, man meint das ja so, aber letztlich hat es keine Auswirkungen? Oder hat es schlechte Auswirkungen? Was sind die Auswirkungen, wenn Achtzehnjährige sich Kuhfleckkrawatten anziehen? Ist die Kuhfleckkrawatte vielleicht gar ein Hinweis auf eine leise, lindnerische Ironie? Oder ist das alles nur Selbstschutz? Die Brille, der gemietete Benz, der großkotzige Auftritt, der zwar smart, aber irgendwie auch unbeholfen wird… Ist da eine tiefe Wunde, die verdeckt werden soll? „Fasse sie an.“ – das würde Franz K. aus P. dem kleinen Christian L. aus W. wohl zurufen.
Aktenberge des Glücks
Aber diese Säulen aus Akten, haben sie nicht auch eine Entsprechung bei Jung-Christian? So zu fragen impliziert natürlich schon die Antwort. Ja, sie haben. Was den aktuellen Lindner, JC und Sordini miteinander verbindet ist dieser Wall aus Signifikanten, der zwischen Person und Welt gelegt wird. Sordini hat eine Mauer gebaut, Säulen aus Akten. Aber es sind Bauwerke, mit denen aktiv umgegangen wird, sie werden bearbeitet. Deswegen stürzen sie manchmal auch ein.
So wie die Logik bei JC nach viermaligem wenn einfach einstürzt, oder hier ein weiteres schönes Beispiel aus dem Video: Bei 2:11 spricht JC (mit einer Körpersprache, die versucht Kontrolle auszustrahlen, gleichzeitig aber nichts ausstrahlt als den Versuch auszustrahlen – nur was?) darüber, wie es sich anfühle, in der Schule seine Zeit abzusitzen. Dort spricht derjenige, der zu Bildung auch nicht mehr zu sagen hat als das, was auf seinem aktuellen Plakat (zur Erinnerung: hier) zu lesen ist. Nichts nämlich. Letztlich ist es die Beamtenseele, die sich nur zufällig in einen Marktetingaspiranten verirrt hat, es ist der geäßerte Glaube, dass das, was nur in Büchern steht oder sonstwie gelernt werden kann, das was nicht mit Akten oder Kunden zu tun hat, Zeit ist, die „durch den Schreder“ geht.
Dann kommt man sich so vor, als sei die Zeit durch den Schredder gelaufen.
Christian Lindner, Bürophilosoph
Dieser Vergleich würde Erhard Eppler sicherlich zum Weinen bringen, ich aber liebe ihn. Zeit, die durch den Schredder läuft, das ist ein rhetorisches Mittel, wie es nur im Büro zustandekommen kann. Denn genau dort ist es ja, wo Zeit durch den genannten laufen kann, dort ist es, wo Zeit fruchtlos vertan wird. Zumindest erscheint das dem so, der nicht in den Tiefen der Büroseele aufgeht. Einem Linder aber geht das nicht so, weil genau er zu denen gehört, die tief im Büro aufgehen, die selbst noch im Abstauben des Bücherregals oder des Fikus‘ die wohlige Befriedigung verbeamteter Muße genießen.
Und doch ist daran etwas tragisches. Die Welt, dieser chaotische Ort, dieser zwar vielseitige, aber weder abheft- noch schredderbare Ort, der macht Angst. Gerade noch das Scrollen durch den Newsfeed gelingt (ohne zu lesen), gerade noch das Abstauben des Bücherregals (ohne zu lesen), das Beamtenleben ist eine Existenz im nahen Signifikanten ohne je das Bedürfnis zu fühlen, weiter zu dringen. Es ist der gemietete Mercedes, die Kuhkrawatte, die Schlange in der Bäckerei, die Hobbys (die keine Hobbys sind, ich meine: Grillen und über Autos reden sind keine Hobbys, sondern männliche Verhaltensweisen) – auf eine Art und Weise, die, so denke ich, sehr schade ist, ist Herr Christian Lindner ein echter Sordini, weil weder der Chefbeamte noch der FDP-Chef jemals als echte Menschen auftreten.
Gut, Sordini ist es auch nicht, aber irgendwo hinter den dornigen Chancen, dem Freiheitsgerede, der ganzen blöden Blenderkacke und dem Fakt, dass Christian Lindner auf jedem einzelnen Foto anders aussieht, muss doch ein wahrhaftiger Christian Lindner sich verstecken, ein echter Mensch, ein Mensch, der offensichtlich verletztlich ist, sonst würde er nicht solch einen Aufriss darum machen, sich hinter den Signifikanten zu verstecken.
Ich wäre bereit, ein echter Linder-Fan zu werden, wenngleich ich natürlich nicht die FDP wählen würde. Dennoch, für einen Lindner, der endlich der Lindner wird, der er ist, würde ich mindestens einen Daumen drücken. Mit Freude.
Ein Kommentar zu “Intertext und FDP. Oder: Wie scholzt man den Habeck? III”