Oder: Warum es gar keine fünf Verschwörungstheorien zum Thema gibt, sondern eigentlich nur eine.
2021 purzeln die Jahrestage: Dante wird 700, die Unterwerfung des Atzekenreiches 500, Dürrenmat, Lem und Sophie Scholl 100, Auschwitz ist seit 75 Jahren befreit, die Sowjetunion seit 30 Jahren Geschichte und das World Trade Center seit 20 Jahren zerstört.
Ja, nicht alles gibt wirklich Anlass zum Feiern und sicherlich gilt das auch für den heutigen 11. September, 20 Jahre nach dem schrecklichen Terroranschlag bei dem beinahe 3.000 Menschen ums Leben kamen.
Dieser Blogartikel möchte in keiner Weise das Andenken dieser Menschen beschmutzen.
Und dennoch! 9/11 ist nicht nur eine Katastrophe, sondern auch (zumindest für die, die nicht unmittelbar beteiligt waren und sind) ein Kulturgut. 9/11 ist Gesprächsthema, Inhalt von künstlerischen Auseinandersetzungen und eben auch von einer Form der Dichtung, die meist gar nicht so sehr als Dichtung angesehen wird: Verschwörungstheorien.
9/11 ist so ziemlich das Ereignis, das die heutige Flut der Verschwörungstheorien losgetreten oder wenigstens vorweggenommen hat. Im Jahr 2001, an der Grenze also zur wirklich umfassenden Digitalisierung der Welt, ist es das erste Ereignis, das sogar im Mainstream den einen oder anderen Zweifel gesät hat. Ich denke, dass wir heute nicht so eine Durchdringung selbst des öffentlichen Diskurses mit Coronaleugnern hätten, wenn es den 11. September 2001 nicht gegeben hätte und wenn die Regierung der USA nicht so unglaublich überfordert beim Moderieren der Widersprüche gewesen wäre. Dass sie es war (also überfordert, nicht es) steht fest, dass jede andere Regierung der Welt (außer natürlich eine mit Helmut Schmidt am Steuer) es auch gewesen wäre, auch.
Ich bin meistens nicht so für den moralischen Zeigefinger, deswegen möchte ich jetzt gar nicht so sehr darauf eingehen, wie böse und gefährlich Verschwörungstheorien sind oder werden können. Das ist ziemlich bekannt – immerhin beruht Auschwitz auf einer Verschwörungstheorie. Ich möchte im Folgenden mit Euch ein bißchen über Verschwörungstheorien im Allgemeinen nachdenken und dann eine kleine Aufstellung der schönsten Verschwörungstheorien zum Thema 9/11 vorlegen.
Was sind Verschwörungstheorien?
Zunächst eins, zwei Sätze zur Terminologie. In letzter Zeit tauchen vermehrt Begriffe wie Verschwörungserzählung, Verschwörungsmythos oder auch Verschwörungsideologie auf. Alle diese Wortbildungen haben auch durchaus ihre Berechtigung und letztlich sind sie alle sogar stichhaltiger als der Begriff der Verschwörungstheorie, dennoch werde ich beim Begriff der Verschwörungstheorie bleiben, da nur er ohne eine gewisse Para-Aussage verwendet werden kann. Wer V-Ideologie oder V-Erzählung meint, der will unbedingt zum Ausdruck bringen, das V-Theorien keine Theorien sind, da sie wissenschaftlichen Grundsätzen nicht standhalten würden. Das ist auch gut und richtig, aber irgendwie auch ein bißchen strebermäßig und da ich sowieso schon ordentlich strebermäßig bin, möchte ich es hiermit nicht übertreiben.
Wenn man mir allerdings die sprichwörtliche Pistole auf die Brust setzen würde und mich so zwänge, mich für eines der V-Komposita zu entscheiden, so wäre es der Verschwörungsmythos. Nicht etwa, weil Mythen grundsätzlich unwissenschaftlich und einfach immer falsch wären, sondern weil Mythen erstens die Vorstufe von Theorien sind, zweitens vom neutraleren Begriff der Erzählung durch eine vorgestellte Intention, Sachverhalte zu erklären, abstechen und drittens streng monokausal vorgehen. Denn wozu dienen Verschwörungstheorien, also -mythen, also -ihr-wisst-schon?
Verschwörungstheorien wollen Licht ins Dunkel bringen. Sie wollen die Welt erklärbar machen. Aber die Welt soll nicht nur erklärbar, sie soll auch einleuchtend sein. Verschwörungstheorien beruhen auf einem durch und durch menschlichen Denken, das sich von der Kette der Selbstkritik losgerissen hat. Interessant ist, dass Verschwörungstheorien sich selbst oftmals als Kritik darstellen und es gibt bestimmt sogar Verschwörungstheoretiker die Adorno zitieren – dennoch ist festzustellen, dass die zugrundeliegenden Denkmuster bemerkenswert unkritisch sind.
Unser Chefforscher für Verschwörungstheorien Michael Butter hat in seinem übrigens großartigen Buch „Nichts ist, wie es scheint“ eine Ad-Hoc-Auflistung der Gemeinsamkeiten gegeben.
1.) Nichts geschieht durch Zufall
2.) Nicht ist, wie es scheint
3.) Alles ist miteinander verbunden
Butter, Michael: Nichts ist, wie es scheint. Berlin: 2018. S. 22
Aber was ist daran überhaupt unkritisch? Zunächst zum ersten Punkt. Der Glaube an die Macht des menschlichen Verstandes wird hier zum Movens hinter den Ereignissen gemacht. Der Verstand ist in dieser Lesart so übermächtig, dass er gegebenenfalls über tausende Jahre schafft, die Geschicke der Menschheit zu lenken. Verschwörer sind echte Masterminds, die sämtliche Unwägbarkeiten in ihr Handeln integrieren können. Unkritisch an diesem Denken ist die Überschätzung der Verstandesleistung unseres Gehirns, das nicht alle Unwägbarkeiten berücksichtigen kann, das eben durchaus Fehler macht, das aber auch Sachzwängen von Außen unterworfen ist. Das Leugnen des Zufalls ist bester Glaube an die Vernunft und damit voll in der Dialektik der Aufklärung. Übrigens, genau wie der Rassismus, ist der Glaube an Verschwörungstheorien weniger eine Sache des Mittelalters als ein Produkt unserer geheiligten Aufklärung.
Der zweite Punkt ist ebenfalls Ausdruck unkritischen Denkens unter der Maske der Kritik. Alles zu bezweifeln ist eine denkbar einfache Position – Skeptizismus ist sogar die einfachste Position, die man sich vorstellen kann. Wenn dieser Skeptizismus nun aber noch gepaart mit einem manichäischen Weltbild einhergeht, hat man eine gedanklich schnell praktizierte Möglichkeit, gegen alle möglichen Gehalte vorzugehen. Ebenfalls unkritisch ist die synthetisierende Ansicht alle hinge miteinander zusammen. Hier wird versucht ein geistiges Fundament zu setzen (so wie Descartes Subjekt), von dem her sich ableiten ließe. Der fragmentarische Charakter der Welt und überhaupt unseres Denkens, unseres ganzen Überzeugungssystems kommt hier nicht zum Tragen. Gerade weil Verschwörungstheorien so ungemein einleuchtend sind, können sie nicht stimmen.
Wen das interessiert: lies den Butter (18€), lohnt sich.
Zur Auswahl
Auch wenn es in diesem Internetz eher unpopulär sein mag, Klassifizierungen sind künstlich und meist ziemlich schlecht. Wenn man das Internet nach Ranglisten durchforstet, dann stößt man auch auf solche Seiten. Das ist zwar kurz und griffig und letzten Endes voll mein Thema, aber keiner dieser fünf Punkte ist eine Verschwörungs-Theorie. Das sind Bausteine von Theorien, bestenfalls sogar Ausgangspunkte, aber leider keine ausgearbeiteten Theorien. Das Problem liegt, soweit ich das abschätzen kann, daran, dass es letzten Endes gar nicht so viele Verschwörungstheorien gibt. Vielleicht gibt es sogar nur – aber das werde ich am Ende nochmal zur Sprache bringen und hoffe auf Kommentare und Berichtigungen, auf Kritik und Diffamierungen.
Gerade in der Thematik 9/11 ist es aber der Fall, dass die meisten sogenannten Verschwörungstheorien nur partielle Gegenargumente gegen den Konsens der Konventionalisten sind. Andere Verschwörungstheorien gehen ineinander über und ineinander auf. Deswegen gleich vorweg: trotz intensiver Recherche bin ich nicht auf fünf gekommen, die den Namen Verschwörungstheorie verdienen. Aber das muss uns auch gar nicht aufhalten, da es hier ja nicht um Redlichkeit oder Anstand gehen kann. Und apropos Anstand. Womit fängt jede anständige Verschwörungstheorie an? Genau!
Nun aber: die fünf schönsten usw… Nr.1
Ahasver war’s. Natürlich. Der ewige Jude hat die zwei Türme zum Einsturz gebracht. Diese Verschwörungstheorie ist natürlich wunderbar in ein antisemitisches Weltbild einzugliedern, wie der Fernsehsender Al-Manar, was übrigens der Leuchtturm heißt, schon frühzeitig vormachte. Dort wurde berichtet, dass am 11. September 4.000 jüdische Angestellte nicht zur Arbeit im WTC erschienen wären.
Der Fernsehsender gehört übrigens der Hisbollah, das nur am Rande. Gewarnt hätte die 4.000 Juden der Mossad oder der Shabak, also der Aus- oder Inlandsgeheimdienst. Kommt in der Verschwörungstheorie der Shabak zum Tragen, hat das also noch die spezielle Würze, dass der New York implizit als Israelisches Inland bezeichnet wird. Eine These, die sich durchaus mit unserer Verschwörungstheorie verträgt, die offen ist für die Annahme, die gesamten USA seien eigentlich nur eine Kolonie oder ein Marionettenstaat des großen bösen Israels.
Für eine Einmischung des Mossads spricht sich Andreas von Bülow aus (ein ehemaliger Bundesforschungsminister), der nicht nur, wie Michael Bröckers, behauptet Israel habe die Möglichkeiten die gesamten Telefone der USA abzuhören, sondern zusätzlich auch noch die Information auftut, die aus Israel stammende Schifffahrtslinie ZIM habe, obwohl ihr Mievertrag erst zu Ende 2001 ausgelaufen sei, bereits die Bürogeräume vollständig verlassen.
Andere Indizien sollen auf der Straße feiernde Juden, ein angeblich abgesagter Besuch der Stadt durch Ariel Sharon, eine israelische Firma, die ihre Mitarbeiter gewarnt hätte – all das sind Indizien, die zwar allesamt nicht so richtig stichhaltig zu sein scheinen, die aber dafür umso vehementer dafür benutzt werden, Israel oder eher: den Juden oder vielmehr: dem Juden die Schuld zuzuschieben.
Das Paradigma vom Juden, der die Welt regiert, also das paranoide Bild des weltweit agierenden Zionisten, kann dabei sowohl der Interpretation angeschlossen werden, die Bush-Regierung habe 9/11 zugelassen, als auch die Bush-Regierung habe 9/11 veranlasst. Bei der ersten sind die Zionisten selbst die Ausführenden gewesen, bei der zweiten hätten sie die US-amerikanische Regierung im Griff.
Eine weitere spannende Version besteht darin, dass der Mossad angeblich Al-Quaida unterwandert hätte und dass sogar die Attentätr selbst eigentlich Juden gewesen wären. Zu dieser Version gibt es allerdings auch eine gemäßigtere, die bloß davon ausgeht, der Mossad habe aufgrund seiner Unterwanderung frühzeitig vom Anschlag gewusst und eben nur, hier schließt sich der Kreis wieder, die Juden gewarnt. Dass dabei ein ziemlich irrationales Bild zum Tragen kommt, nachdem alle Juden sich vom Mossad steuern ließen, egal in welchem Land sie sich befinden, sei dahingestellt. Um Widerlegung muss es hier gar nicht gehen – das ist erstens an anderer Stelle bereits ausführlich geschehen und zweitens ist es auch hochgradig langweilig.
Viel spannender ist, wie unsere erste Verschwörungstheorie hier auch Eingang findet in unsere zweite. Nun, denn: es trete auf die
Nummer 2. Das Silverstein-Komplott.
Larry Silverstein, der Name sagt einschlägig Bewandertern natürlich schon alles, ist nicht nur ein echtes New Yorker Urgestein, er ist auch Pächter der Twin-Towers gewesen und zwar erst seit einigen Monaten, genauer: seit dem 24. Juli 2001. Der Pachtvertrag lief über 99 Jahre, was ja an sich vielleicht eine gute Sache gewesen wäre, nur blöd an der Angelegenheit war, dass Silverstein diese Miete auch nach dem 11. September noch zu zahlen verpflichtet war. Das war auch der Grund, warum er sich eine hohe Versicherungssuche erstritt, die er dann in den Neubau investierte.
Diese Versicherungssumme ist Hauptanknüpfungspunkt der Verschwörungstheorie. Nach Ansicht einiger ging es ihm bei der Zerstörung der Twin Towers also schlichtweg um Geld – das ist zwar auch ein antisemitisches Stereotyp aber immerhin noch nicht ganz der zionistschen Weltverschwörung. Wenngleich der Schritt dahin auch kein allzugroßer mehr ist.
Ein weiteres Argument für die Unterstützer der Verschwörungstheorie ist, dass Silverstein zum Chef der New Yorker Feuerwehr gesagt haben solll: „Maybe the smartest thing is to pull it .“ Für die Rückbau-Fans unter uns: pull it ist der Ausdruck für eine kontrollierte Sprengung. Hier ist also ein weiterer Anknüpfungspunkt, den jeder kennt, der einen Verschwörungstheoretiker im näheren Umfeld hat: die kontrollierte Sprengung des WTC. Kein Flugzeug kann, kein Gebäude dieser Größe wird, Kerosin kann gar nicht und so weiter. Langweilig.
Das Gespräch wurde übrigens zugegeben, allein es habe sich bei der in Frage stehenden Formulierung nicht um pull it im Sinne der Abbruchunternehmen, sondern um den Pull im Sinne eines Abzuges der Truppen, eines Pull Offs also gehandelt.
Das Silverstein-Komplott ist natürlich nicht frei von antisemitischen Tendenzen und es lässt sich sogar hervorragend in die erste Theorie einbauen. Wenn alle Juden vom Mossad instruiert werden können, dann gilt das jawohl auch für Larry Silverstein aus Brooklyn, oder?
Diese Verschwörungstheorie gefällt mir (wenn man das so sagen darf), weil sie grundsätzlich so eine niedrige Hürde hat. Wer würde es einem Bauunternehmer nicht zutrauen, dass er Gebäude sprengt um sich den Pachtzins zu sparen? Wäre der Pächter dieser ominöse Donald J. Trump gewesen, vielleicht hätte sogar ich an die Verschwörungstheorie geglaubt. Sie ist so schön normal, kommt ohne Shapeshifter und Bilderberger aus, sie setzt einfach nur die menschliche Gier absolut und spricht einen damit irgendwie an. Verglichen mit anderen Verschwörungstheorien wirkt sie fast schon süß, so naiv, gewissermaßen unschuldig. Aber bevor ich nun wirklich ins Schwärmen komme für den Müll, schnell die
Nummer 3. Da ist doch was im Bush!
Alle Theorien über den Inside-Job sind natürlich längst echte Klassiker und sie sind es auch, die Eingang gefunden haben in den Mainstream. Dabei muss man auch hier nochmals differenzieren. Es gibt die schon erwähnte Unterscheidung zwischen LIHOP- und MIHOP-Ansätzen. Der erste Ansatz steht für let it happen on purpose, während der zweite, man kann es sich denken: made it happen on purpose heißt.
Die LIHOP-Ansätze gehen entweder davon aus, dass die Bush-Administration ein Marionettenkabinett war, während finstere Hintermänner (zum Beispiel Hillary) die wahren Strippenzieher seien, oder dass die Sache mit Al-Quaida im Großen und Ganzen schon ihre Richtigkeit habe, die Regierung Bush also aus anderen Motiven nichts unternommen habe.
Wir kennen die Argumente: keine Luftwaffe, Bush saß noch sieben Minuten bei den Kindern und ließ sich etwas erzählen (der einzige Moment in seiner Amtszeit übrigens, in der er mir fast sogar sympathisch war), angebliche Verbindungen zwischen dem übermächtigen Bush-Senior (quasi der Hermann Kafka von Texas) und so weiter. Es gibt zu diesem Thema viele Diskussionen und vor allem viele Diskussionsbeiträge. Der MIHOP-Ansatz ist allerdings interessanter.
Grundlage ist hier wieder die Unterscheidung zwischen Marionettenkabinett und echter Regierung. Bei der echten Regierung ist eine oft vertretene These natürlich die Angst des eigenen Volkes, die man seitens der Regierung nutzen haben wollen. Wer unter den Verschwörungstheoretikern mehr der antisemitischen Richtung zuzuordnen ist, sieht auch hier wieder Ahasver am Werk, der in Gestalt des Kreuzfahrers Bush die Muslime der Welt mit Krieg überziehen wollte. Dabei kann George Bush der Jude sein oder von einem gesteuert werden.
Nüchterner dagegen die Interpretation, die USA hätten es einfach auf Öl und Einfluss im nahen OSten abgesehen. Das ist die Verschwörungstheorie mit dem wunderbaren Namen Petronazis. Alles läuft natürlich nach dem berühmten Cui Bono? Aber dass sich daraus kein analytisches Urteil ableiten lässt, ist ja ohnehin bekannt. Und dass der entsprechende Fehlschluss um die Ecke lauert, auch.
Für alle drei Verschwörungstheorien gilt aber, dass sie insgesamt recht flach und langweilig sind. Nicht literarisch genug sozusagen. Spannend werden sie erst, wenn sie in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden. Bevor wir dazu kommen und damit unsere Liste beschließen, möchte ich aber anstelle einer Nummer 4, die aus Mangel an echten Wettbewerbern ausfallen muss, eins, zwei spannende Netzfunde präsentieren. Also, quasi
Nummer 4. What the Fox?
Weil ich geizig bin wie ein Silverstein habe ich nur die Umsonstversion von WordPress. Deswegen: hier. Dieses Video erklärt schlüssig, wie das Meisterwerk Back To The Future auch 9/11 aufs Trefflichste vorausgesehen hat.
Auch schön, gerade für Mac-User, die sich wiedermal als die Guten fühlen dürfen: allez!
Oder ein bißchen Wahnen nach Zahlen mit India Today: hayde!
Nummer 5. Oder: was soll der Bumms eigentlich?
Eine gute Frage. Warum eine Liste, wenn von Anfang an klar ist, dass sich alles auf ein Prinzip und eigentlich auf eine Verschwörungstheorie zurückführen lässt? Ja, nun… Aufmerksamkeit? Vielleicht. Ist aber legitim, finde ich.
Auf jeden Fall ist es so, dass sämtliche Verschwörungstheorien eigentlich nicht von menschlicher Inkompetenz ausgehen, sondern davon, dass hier echte Genies des Bösen am Werk waren. Ungeachtet der Tatsache, dass in eine Verschwörung solchen Ausmaßes natürlich allermindestens dutzende Menschen involviert sein müssten (und auch das müssten echte Genies sein, sodass man eher von hunderten ausgehen muss) ist es doch so, dass gerne kleinere Kollektive in die Verantwortung gezogen werden. Bezeichnenderweise werden diese dann auch nur von kleineren Kollektiven ernstgenommen, weil der Rest halt aus Schlafschaafe besteht.
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass nach dem überwältigenden Gros der Verschwörungstheorien, die sich um den 11. September 2001 ranken, die meisten auf die Etablierung der New World Order abzielen und da diese New World Order ein genauso schwammiger Begriff ist, wie er scheint, kann sich so ziemlich jede Ausprägung darin wiederfinden. Aliens, Reptiloide, Replikanten, Bilderberger, Freimaurer, Illuminanten, Juden, Neokonservative oder die unehelichen Kinder Adolf Hitlers, das ist völlig egal.
Die New World Order ist aber zweierlei. Einerseits ist sie in den einzelnen Verschwörungstheorien von Jones bis Icke der jeweilige Markenkern, das was den Theoretiker eben besonders macht. Auf der anderen Seite ist die NWO aber auch eine Leerstelle, also das, worauf man sich ohne Probleme einigen kann. Denn Verschwörungstheoretiker streben nicht nur nach einem Markt, sie streben auch nach einem Kollektiv. Im Einzelnen weichen Verschwörungstheoretiker vielleicht voneinander ab, aber im Großen und Ganzen ist es (wenigstens scheint es mir so) ein Drang zur NWO, der sie alle irgendwo eint.
Diese Bewegung zur NWO zeigt sich schon in den frühesten Verschwörungstheorien, die wir kennen, die in dem Moment entstanden sind, als die Einbettung des Menschen in einen göttlichen Heilsplan dahinschwand. Karl Popper, der übrigens den Begriff Verschwörungstheorie prägte, nannte den
Konspirationismus ein Produkt der europäischen Aufklärung, ‚ein typisches Ergebnis der Verweltlichung religiösen Aberglaubens.‘
zitiert nach: Butter, Michael: Nichts ist, wie es scheint. Berlin: 2018. S.142
Damals waren es eher die Freimaurer als die Eliten, die QAnon anprangert, aber im Grunde war es der gleiche Gedanke. Was sich allerdings – und das sollte schon erwähnt werden – seit der frühen Neuzeit durch sämtliche Verschwörungstheorien zieht, ist der Glaube, dass es die Juden seien, die die Geschicke der Welt in ihrem Sinne zu lenken trachteten. Ob dieser Gedanke auf dem Christentum beruht und ihrer Behauptung, die Juden hätten den Heiland ermordet – wer weiß… Es ist jedenfalls eine merkwürdige Fügung, dass sich über einen so langen Zeitraum ein bestimmtes Opfer für Diffamierungen so durchgesetzt hat. Man könnte fast sagen, alle Verschwörungstheorien sind irgendwo antisemitisch.
Wer angesichts dieser Tatsache immernoch wegen der angeblichen Auschwitzkeule rumjammert, der hat den Schuss, den seine Gesinnungsgenossen auf jüdische Menschen abfeuern, nicht nur nicht gehört, der übertönt ihn sogar geflissentlich und macht sich zum Mittäter. Ob er seinen Antisemitismus nun Meinungsfreiheit nennt oder Wahrheit, tut dabei nichts zur Sache.
3 Kommentare zu „Die fünf schönsten Verschwörungstheorien zu 9/11.“